Stellungnahme zu jugendpolitischen Freiräumen

Stellungnahme des Bundesvorstandes

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Das Thema ist nicht neu. Auch der DBJR-Hauptausschuss hat schon 2010 eine Position dazu formuliert: „Selbstbestimmt und nicht verzweckt – Jugendpolitik neu gestalten“

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Jugendliche Freiräume in der Stadt und auf dem Land

Stellungnahme des BDP Bundesvorstandes

Das Thema Freiräume für Jugendliche ist in den letzten Jahren mit zunehmender Aufmerksamkeit diskutiert worden. Es sind bereits viele Stellungnahmen und Aussagen zu dem Thema Freiräume in der Jugendarbeit formuliert worden, unter anderem auch im 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung von 2017:

„Jugendliche und junge Erwachsene brauchen genügend Zeit und Gestaltungsräume, um den steigenden Aufwand bei der Bewältigung von Herausforderungen des Jugendalters betreiben zu können. Hierfür steht der im Bericht in Bezug genommene Grundsatz „Eigenständiger Jugendpolitik“, für mehr Freiräume zu werben (...). Jugendliche sollen heute in kürzerer Zeit mehr lernen und neue Herausforderungen bei fragilen Rahmenbedingungen bewältigen. (...) Jugendliche brauchen aber genügend Zeit für ihre Persönlichkeitsentwicklung – eine ihrer zentralen Entwicklungsaufgaben besteht darin, sich mit ihrer körperlichen und psychosozialen Entwicklung auseinanderzusetzen sowie in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen ihren Platz zu finden. Jugendliche benötigen akzeptierte Auszeiten und mehr Raum, um sich entfalten und um sich ihre Umgebung aneignen und sie mitgestalten zu können.“ (BMFSFJ 2017, S. 28 (1)

Auch der BDP ist Träger ebendieser Freiräume und sieht es als seine zentrale Aufgabe diese zu verwirklichen. Der zugesagten Wichtigkeit in solchen Publikationen folgt aber selten eine politische Praxis die diese Ziele sinnvoll umsetzt. Deswegen, und natürlich weil die BDP Bundesdelegiertenversammlung 2017 das Thema als „Jahresthema 2018“ festgesetzt hat, sehen wir als Bundesvorstand uns in der Position eine Auseinandersetzung mit dem Thema im BDP anzuregen. Um überhaupt über Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf Freiräume nachzudenken und konkrete Maßnahmen planen zu können, möchten wir uns zunächst näher mit dem Begriff Freiraum im Kontext Kinder- und Jugendarbeit beschäftigen. Zum Ende finden sich unsere konkreten Forderungen.

Ein Freiraum ist für uns ein Ort, in dem Jugendliche die Möglichkeit zur tatsächlich freien Selbstentwicklung vorfinden. In erster Linie gibt es in einem echten Freiraum kein direktes Eingreifen von außen durch Stadt, Erwachsene oder Institutionen bezüglich der Entscheidungsfindung, inhaltlicher Ausgestaltung oder Organisation. Die Selbstverwaltung dieses Ortes ist außerdem zentraler Bestandteil des Prozesses, da hier die meisten Lernfelder für Jugendliche liegen. Ein Ziel hiervon ist das Erlernen von sozialer Interaktion innerhalb von Gruppen oder das eigenständige Entwickeln von Meinungen und Ansichten. Wir finden, dass das Übernehmen von Verantwortung für einen Raum, Finanzen, Programm, Material o.ä. eine sinnvolle Methode sein. Hierbei kann Selbstwirksamkeit erfahren und so das Vertrauen in eigene Fähigkeiten und Kompetenzen gefestigt werden. Das Erlernen (basis-)demokratischer Entscheidungsprozesse in einem geschützten Raum betrachten wir als essentiell für die Herausforderungen unserer Gesellschaft, die auch im Kinder- und Jugendbericht benannt werden (vgl. BMFSFJ 2017, S. 6). Räume für freie Freizeitgestaltung – und nicht nur Konsum derer – als auch Platz für Diskurse, die von Jugendlichen selbst entwickelt werden, stellen wichtige Orte der Selbstbestimmung dar, in welchen Jugendliche die Probleme des Aufwachsens bewältigen können. Dazu gehört für uns: das Übernehmen von Verantwortung, die Abkopplung vom Elternhaus, das Schmieden von Zukunftswünschen und -plänen und persönliche Selbstfindungsprozesse. In dieser Phase sind soziale Interaktionen mit anderen Jugendlichen sowie das bereits angesprochene Erfahren von Selbstwirksamkeit wichtig, um die Identitätsfindung auf ganz verschiedensten Ebenen zu gewährleisten und zu unterstützen.

Gegenwärtig ist der konventionelle Ablauf eines jungen Lebens sehr geradlinig vorgegeben: nach der Schule direkt in die Ausbildung/ an die Universität und jede*r, die oder der sich eine Auszeit für Selbst- oder Berufsfindung nimmt, muss diese „Lücke“ im Lebenslauf rechtfertigen. In der „Normbiographie“ ist wenig Spielraum für die oben beschriebenen, unsere Ansicht nach notwendigen, Prozesse. So finden sich viele junge Menschen nach ihrem Schulabschluss in der überfordernden Situation, direkt im Anschluss an den Schulalltag herausfinden zu müssen, was und in welcher Form sie einen Beruf erlernen möchten und das möglichst bereits bis zur nächsten Bewerbungsfrist, da nicht alle Eltern die finanziellen Ressourcen zur Unterstützung einer Selbstfindungsphase der Jugendlichen aufweisen können. Freiräume bieten ihnen an dieser Stelle Erkundungsraum und die Chance die Möglichkeiten, die ihnen offen stehen, wie beispielsweise unterschiedliche Formen des Zusammenlebens, zu entdecken.

All das sind keine neuen Erkenntnisse. Doch trotz der Wichtigkeit Jugendlichen diese Freiräume zu ermöglichen, sieht die Realität leider anders aus. Jugendliche haben immer wenige Räume zur Verfügung, um sich auszuprobieren und das Erwachsenwerden zu „üben“. In erster Linie steht für Jugendliche natürlich das Elternhaus zur Verfügung, welches allerdings in keiner Weise als Freiraum definiert werden kann. Oft versuchen sie diesem zu entfliehen, um mehr eigene Kontrolle über ihr Sein zu bekommen und eine unabhängige Selbstentfaltung zu ermöglichen. Medien wie das Internet und Smartphones sind auch eine Art Freiraum für Jugendliche, in denen sie meist ohne eine Überwachung Selbstdefinition und -inszenierung vornehmen können. Dies zeigt das Bedürfnis nach freien Räumen, vernachlässigt jedoch den direkten Kontakt zu anderen Menschen, welcher in dem Prozess des Erwachsenwerdens eine zentrale Komponente darstellt.

Jugendliche, die sich an öffentlichen Plätzen aufhalten um Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen, werden oft als eine Art genereller, teils bedrohlicher Störenfried wahrgenommen. Der Wunsch von Jugendlichen nach Plätzen an denen sie auch laut sein können und die sie nach ihren Bedürfnissen gestalten können, wird trotz der Erkenntnisse des Jugendberichts nicht ernst genommen. Die Aussage die Jugend von heute könne sich nicht benehmen und mache nur Ärger, ist allzu bekannt. Dieses Verhalten ist allerdings ein Teil des Aufwachsens, dem kein Riegel durch Ausgrenzung und Verbote vorgeschoben werden sollte. Vielmehr sollten die Jugendlichen in diesem Prozess unterstützt werden, indem (Frei)Räume für sie, auch in der Öffentlichkeit, bereitgestellt werden. Zwischen Spielplätzen und Arbeitsplätzen herrscht eine große Lücke, welche es zu füllen gilt! Dies gilt jedoch nicht nur für urbane Räume, sondern auch im ländlichen Bereich sind solche Strukturen dringend notwendig, um Jugendlichen Platz für Selbstfindung und Ausprobieren zu ermöglichen.

Natürlich gibt es einige positive Beispiele wie öffentliche Skate-Parks und legale Graffiti-Wände. Wenn diese mit Hilfe und Einbezug der Zielgruppe (!) im Entscheidungsprozess entwickelt werden, können so recht einfach kleine Räume geschaffen werden, an denen zumindest die Möglichkeit zur Gestaltung von Freizeit den angegeben Zielen gerecht wird.

Allerdings stoßen die bisherigen Angebote auf ihre Grenzen, da sie sich auf wenige Freizeitaktivitäten beschränken und überwiegend auf den städtischen Raum begrenzt sind (vgl. Carqueville 2016, S. 109) (2). Oft bleiben Jugendlichen nur noch Jugendzentren oder ähnliche Räume, welche aus unserer Erfahrung heraus in vielen Fällen schlecht funktionierende Einrichtungen darstellen. Häufig liegt die Verwaltung bei der Stadt oder Gemeinde und die Betreuung wird von deren Mitarbeiter*innen übernommen. Dem Anspruch, dass die Jugendlichen die Gestaltung von Raum und Inhalt selbst definieren, steht meist die Praxis eines kommunalen Fahrplans gegenüber der festlegt, wie die Räume aussehen (z.B. kein Graffiti) und welches Angebot realisiert wird (Kicker, Billard, ab und zu ein Ausflug zu festgelegten Zielen). Auch Selbstverantwortung der „Besucher*innen“ wird selten verlangt, es wird kein Bezug zum Raum und den Aufgaben die dieser mit sich bringt hergestellt. Der Ort, der das Ziel hat, Jugendlichen eine Grundlage zur Entfaltung zu geben, wird zum Ort des Konsums, welchem von außen definierte, normative Regeln zu Grunde liegen. Ebenso richtet sich der pädagogische Auftrag der Mitarbeiter*innen oft weder an die freie Identitätsfindung von beispielsweise Interessen, eigener Sexualität, o.ä., noch an die Teilhabe der Jugendlichen, sondern nur an das Erhalten des „Hausfriedens“ (vgl. Unterkofler 2014, S. 47ff.) (3). Ausprobieren, Entwickelung und Selbstfindung wird an dieser Stelle zu „möglichst wenig Probleme und Arbeit haben“. Ein Danke an dieser Stelle an alle Sozialarbeiter*innen, die ihren Auftrag hier weiter fassen und eine grandiose Arbeit leisten. Wir sehen hier dennoch die Not, aber auch eine große Möglichkeit diese Räume wieder in einen Kontext von Selbstverwaltung und freier Gestaltung zu setzen.

Ganz besonders in ländlichen Gegenden sehen wir eine Veränderung als zwingend notwendig an! Hier haben rechte Gruppierungen, allen voran die NPD, gefördert von Staatsgeldern, in den letzten Jahrzehnten eben durch das Anbieten von Räumen und Veranstaltungen für ein festes Standbein gesorgt (vgl. Budler 2009) (4). Deren inhaltliches Angebot läuft jedoch unserer plurikulturellen Gesellschaft direkt entgegen. Neben den sonstigen üblichen Angeboten von „Jugendfeuerwehr“ und „Fußballverein“ müssen hier weitere Angebote geschaffen werden, die einen antirassistischen und aufklärenden Anspruch haben. Nur indem wir Jugendlichen die Möglichkeit bieten sich FREI zu entwickeln und in einen offenen Diskurs zu treten, können wir der rechten und anti-emanzipatorischen Tendenz entgegen treten. Da es in ländlichen Gegenden weniger Angebote von Trägern der freien Kinder- und Jugendarbeit gibt, sehen wir hier besonderen Handlungsbedarf. Räume für Jugendliche sind jedoch auch im städtischen Raum schwer zu akquirieren und werden immer seltener von seitens der Stadt unterstützt. Falls doch, bedeutet das für die Jugendlichen oft eine intensive Arbeit über lange Zeit um ihre Forderungen durchzusetzen.

Hier wird erneut der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit deutlich: das Engagement der Jugendlichen, sich für einen Raum einzusetzen, ihn instand zu halten und mit Inhalten zu füllen, sollte gewertgeschätzt und unterstützt werden. Meistens werden diese Räume allerdings mit bürokratischen Problemen überhäuft oder gerade in letzter Zeit direkt als eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung angesehen. Diese Art von Selbstverwaltung sollte unserer Ansicht nach als etwas gesehen werden, das die Mündigkeit von Jugendlichen fördert sowie einen demokratischen Austausch vorantreibt und somit unsere Gesellschaft verbessert. Indem die Politik diesen Räumen schadet, schadet sie der Demokratie, denn die Entwicklung Jugendlicher ist an das Vorhandensein von Räumen geknüpft! Wir fragen uns auf welchem Wege junge Menschen anderweitig lernen sollen, selbstständig und eigenverantwortlich zu denken und zu handeln. Wir wünschen uns, dass Jugendliche Pluralität und Mitbestimmung selbst erfahren und diese Begriffe nicht nur aus der Literatur oder der Vorlesung kennen.

Deshalb fordern wir:

  • Die praktische und finanzielle Unterstützung von Jugendlichen beim Akquirieren von Räumen in Stadt und Land
  • Stärkung der Selbstverwaltung und Anerkennung ihres Wertes in der Entwicklung von Jugendlichen
  • - Anerkennung von Freiräumen als wichtiger Bestandteil Jugendpolitischer Arbeit – in der Praxis und nicht nur auf dem Papier!
  • Mitspracherecht für Jugendliche in der Stadt- und Gemeindepolitik in Bezug auf öffentliche Räume
  • Mehr Freie Träger für Jugendzentren
  • Mehr Räume für die freie Jugendarbeit und Beibehaltung bestehender selbstverwalteter Jugendzentren!

Anhand aller genannten Beispiele wird deutlich, dass jugendliche Entwicklung an das Vorhandensein von Räumen geknüpft ist. Wir fordern, dass wir dabei unterstützt werden, eine Arbeitsgrundlage für unsere offene Jugendarbeit zu schaffen und zu erhalten. Damit meinen wir das Herabsetzten von bürokratischen Hürden und mehr Akzeptanz und Unterstützung (z.B. in Form von materiellen oder finanziellen Ressourcen) für diese notwendige Form der Jugendhilfe. Wir möchten jungen Menschen nicht beibringen, was sie denken sollen, sondern ihnen beibringen, selbst zu denken, zu entscheiden und zu handeln. Hierfür müssen wir Ihnen Raum bieten, in welchem sie unterstützt und ermutigt werden selber aktiv zu werden, anstatt bloß fremdbestimmte Freizeitangebote zu konsumieren.

 

Euer BDP Bundesvorstand

Tabea, Michelle, Mike und Ruben

 

Fußnoten:

(1) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: 15. Kinder- und Jugendbericht. Berlin, 2017. Online abrufbar unter: https://www.bmfsfj.de/blob/115438/d7ed644e1b7fac4f9266191459903c62/15-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf. Letzter Zugriff: 18.12.17

(2) Carqueville, Isabel: Schulwege in den beiden deutschen Staaten. Kinder- und Jugendkulturen zwischen Elternhaus und Schule. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 2016.

(3) Unterkofler, Ursula: Gewalt als Risiko in der offenen Jugendarbeit. Eine professionstheoretische Analyse. Opladen • Berlin • Toronto: Budrich UniPress Ltd, 2014

(4) Budler, Kai: Hamburg: NPD im Harz will nationales Jugendzentrum mit Geldern aus aufgegebenem Bundesprogramm finanzieren. Publikative.org, 2009. Online abrufbar unter: http://npd-blog.info/?p=2739. Letzter Zugriff: 18.12.17