end systemic racism

BDP und Machtkritik- Gedanken des Vernetzungstreffen

Ausgangslage

Kinder- und Jugendarbeit ist immer im Wandel, so auch im BDP. Unter anderem beim Vernetzungstreffen Politische Bildung tauschen sich haupt- und ehrenamtlich in der Bildungsarbeit im BDP tätige Menschen aus, reflektieren ihre pädagogische Praxis, bilden sich fort und entwickeln neue Ideen und Impulse.

Das diesjährige Treffen war sehr gut besucht und viele Menschen haben sich zwei Tage lang über Bildung in Zeiten der Pandemie, Möglichkeiten einer stärkeren Vernetzung sowie über das Thema Rassismuskritik Gedanken gemacht. In Bezug auf das große Feld der Rassismuskritik bzw. einer machtkritischen Haltung haben wir beschlossen, mit diesem Text transparent zu machen, worüber wir gesprochen haben. Außerdem laden wir weitere Menschen dazu ein, sich gemeinsam mit uns weiter damit zu beschäftigen und daran zu arbeiten, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen möglichst sensibel und machtkritisch zu gestalten.

 

Der BDP und gesellschaftliche (Macht)strukturen

Der BDP ist ein offener, demokratischer und unabhängiger Kinder- und Jugendverband und versteht sich als links und kritisch gegenüber gesellschaftlichen (Macht)strukturen. Diese Haltung und Selbstverständnis hat eine lange Tradition und zeigt sich in den Programmen und Inhalten der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Wichtige Grundlage der Angebote des BDP ist ein Verständnis dafür, dass wir alle unterschiedliche Erfahrungen, Wissen und Bedürfnisse mitbringen und uns in einem Umfeld, in welchem auf diese geachtet wird, wohl fühlen. Dies gelingt teilweise durch eine pädagogische Reflektion der Angebote und Zielgruppen und einer andauernden Selbstreflexion und Reflexion im Team, wird aber gestärkt durch den Einbezug von Menschen, die aufgrund ihres Erfahrungswissens besondere Impulse setzen können und Dinge sehen, die anderen nicht auffallen.

Ausgehend von diesem Wissen finden wir es wichtig, auch den BDP als eingebettet in gesellschaftliche Strukturen und nicht losgelöst davon zu betrachten. Die Verschränkung zeigt sich beispielsweise daran, dass der Großteil der hauptamtlich im BDP aktiven Menschen cis- geschlechtlich, weiß, able-bodied (keine Behinderung hat), etc. ist. Ein diskriminierungssensibler Blick auf diese Strukturen ist aus zwei Gründen wichtig: (1) Ein Aspekt von struktureller Diskriminierung ist die Diskriminierung am Arbeitsmarkt. Dies zu ändert liegt u.a. in der Verantwortung von Arbeitgeber*innen, beispielsweise durch eine Einstellungspolitik, durch welche bei gleicher Qualifikation Menschen, die strukturell benachteiligt sind, bevorzugt werden. (2) Zum anderen ist es wichtig, das Erfahrungswissen von Menschen mit Diskriminierungserfahrung als Kompetenz wahrzunehmen, welche die Arbeit im und Angebote des BDP bereichern; ebendiese Wahrnehmung und Wertschätzung geht über eine bloße Einstellung hinaus und erkennt, dass es aus einer privilegierten Position heraus nicht reicht, GEGEN Diskriminierung zu sein. Es benötigt eine bewusste Veränderung von u.a. strukturellen Rahmenbedingungen, in denen unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen selbstverständlich Raum und Wertschätzung erhalten.

Beim Treffen haben wir angefangen darüber zu sprechen, wie solche Veränderungen und eine weitere Beschäftigung mit diesen Themen angestoßen und umgesetzt werden können. Erste Überlegungen und Pläne stellen wir euch weiter unten vor, sehen dies aber als Prozess, der über eine längere Zeitspanne geführt werden muss.

 

Was ist Rassismus?

Rassismus ist eine machtvolle, historisch gewachsene Struktur, innerhalb der Personen und Gruppen dominiert und diskriminiert werden. Dabei findet eine Abwertung und Diskriminierung aufgrund von (zugeschriebener) Herkunft und/ oder Hautfarbe statt. Die gesellschaftliche Gruppe, welche die (Ab-)Wertung durchsetzt, besitzt die soziale, ökonomische und politische Macht und erzeugt dadurch gesellschaftliche Ungleichbehandlung.

Rassismus wurde erfunden, um den Kolonialismus, Menschen- und Landraub zu legitimieren und die eigene, weiße Überlegenheit zu zementieren. Damalige Theorien sowie Regelungen und Gesetze sind leider immer noch nicht verschwunden.
Es gibt verschiedene Formen von Rassismus wie anti- Schwarzen Rassismus, anti-muslimischer Rassismus, etc. Die Gemeinsamkeit liegt darin, dass der Machtaspekt bei allen eine zentrale Rolle spielt; Unterschiede gibt es jedoch in Geschichte, Wirkweise und Tradierung sowie den Auswirkungen.

Positionen im rassistischen System
Wir leben in einem rassistischen System, in welchem Menschen aufgrund äußerer Merkmale, Sprache, Herkunft etc. unterschiedliche Positionierungen innehaben, bzw. rassifiziert werden. Ein wichtiger Aspekt von Rassismus ist nämlich das ‚Othering‘, das zum- Anderen machen von Menschen, die nicht als weiß gelten. Seit Jahrhunderten werden Menschen, die nicht weiß sind, mit rassistischen Fremdbezeichnungen benannt, was sehr schmerzhaft ist und den Menschen immer wieder ihre Mündigkeit abspricht, also ihr Recht, über sich selbst zu bestimmen.
Ein wichtiger Teil von Widerstandskämpfen war und ist deshalb das Definieren von Selbstbezeichnungen. Selbstbezeichnungen sind ein Akt des Empowerment und des Widerstands und müssen respektiert werden.

Schwarz: Schwarz bezieht sich nicht auf die Hautfarbe, sondern die gemeinsamen Erfahrungen und Lebensrealitäten von Menschen im rassistischen System. Schwarz wird auch als Adjektiv groß geschrieben und ist eine politische Selbstbezeichnung.

People of Color (PoC): Dazu zählen jene, die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft nicht als weiß gelesen werden, also auch z.B. Asiat*innen. 'of Color' wird nicht ins Deutsche übersetzt.

Black Indigenous People of Color (BIPoC): Diese Aufzählung von Schwarzen und indigenen Menschen und People of Color verein verschiedene Selbstbezeichnungen von Menschen, die nicht weiß sind.

weiß: auch weiß bezeichnet nicht die Hautfarbe, sondern die gesellschaftliche Position. Diese ist geprägt durch Macht und Privilegien im rassistischen System. Den meisten weißen Menschen ist dies nicht bewusst, weil es für sie zur Normalität gehört, weshalb sie mit großer Abwehr reagieren wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Es ist aber sehr wichtig, sich damit auseinander zu setzen und kritisch zu reflektieren (Stichwort kritisches Weißsein).

Intersektionalität

Der Begriff der Intersektionalität (intersection bedeutet Überschneidung) wurde von der Schwarzen Juristin Kimberlè Crenshaw 1989 geprägt und beschreibt die Verschränkung verschiedener Ungleichheit generierender Strukturkategorien. So ist eine Schwarze Frau beispielsweise Rassismus und Sexismus ausgesetzt und macht deshalb andere Erfahrung als ein Schwarzer Mann oder eine weiße Frau. In der Analyse von verschiedenen Formen von Diskriminierung und Rassismus ist ein intersektionaler Blick wichtig, um multiple Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnisse verstehen zu können.

 

Interkulturalität versus Rassismuskritik

Pädagogische Sichtweisen und Praxen beruhen auf bestimmten Art und Weisen des Sprechens über und mit Migration und Migrant*innen bzw. über und mit im rassistischen System unterschiedlich markierter Personen. Diese gehen einher mit unterschiedlichen pädagogischen Angeboten und verändern sich mit der Zeit.

Seit den 1980er Jahren war die interkulturelle Pädagogik vorherrschend, so auch im BDP. In den 2000ern wird mit dem Konzept der Migrationspädagogik, welches auf einem rassismuskritischen Ansatz beruht, ein Wandel hin zu einer Fokussierung auf Macht vorgestellt.

Im Seminar haben wir ausführlich über die Grundannahmen und Implikationen der beiden Ansätze gesprochen. Überlegungen dazu stellen wir in Kürze hier zur Verfügung.

 

Reflexion und Struktur

Bei den Überlegungen, welche Implikationen diese Betrachtung für unsere (pädagogische) Praxis hat, können zwei Ebenen ausgemacht werden: (1) Reflexion der eigenen Praxis, (2) Veränderung von strukturellen Rahmenbedingungen. Wir möchten euch erste Überlegungen, die zu diesen zwei Punkten angesprochen wurden, weitergeben. Diese sind natürlich nicht vollständig und umfassend, sondern sollen transparent machen, worüber gesprochen wurde und Lücken aufzeigen, die wir noch füllen möchten.

 

Reflexion der eigenen Praxis

  • Getrennte Räume sind wichtig, sei es in der eigenen Auseinandersetzung als auch in der pädagogischen Praxis. Dies ist nicht immer möglich, es sollte aber mitgedacht werden welche Auswirkungen dies hat, auch in der Frage danach, ob und wie Dominanzverhältnisse benannt und abgebaut werden können. Eine Reflexion darüber, aus welcher Position gesprochen wird und wie das formuliert wird, ist wichtig.

  • Im Workshop wurde darauf hingewiesen, dass bei der Idee von Fehlerfreundlichkeit mitgedacht werden muss, auf wessen Kosten ‘Fehler’ passieren und Auswirkungen haben, und dass auch zum Schutz von betroffenen Personen getrennte Räume z.B. wichtig sind. Aber: auch geschützte Räume sind nicht per se geschützt (Stichwort Intersektionalität).

  • Es ist wichtig, auf intersektionale Art und Weise über Machtpositionen/ -Verhältnisse nachzudenken. Wir wollen keine Hierarchien zwischen Diskriminierungsformen aufmachen, sondern Verschränkungen und Wechselwirkungen aufzeigen und mitdenken.

  • Auch der BDP ist eingebettet in ein größeres gesellschaftliches Ganzes, und es ist gut immer wieder über den eigenen Tellerrand zu schauen. Es ist wichtig, uns unsere eigenen Rassismen immer wieder bewusst zu machen. Wir wollen viel mehr über Begriffe diskutieren und festhalten.

  • Bildungsinhalte sind oft nicht niedrigschwellig und erreichen nur bestimmte Kinder und Jugendliche. Wir wollen immer wieder darüber nachdenken, wen wir erreichen und wie wir Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Erfahrungen und Positionierungen erreichen. Auch Sprache und andere Barrieren spielen dabei eine wichtige Rolle. Über diese Barrieren muss immer wieder gesprochen und transparent gemacht werden, und natürlich nach Möglichkeiten gesucht, sie zu überwinden.

 

Veränderung von strukturellen Rahmenbedingungen

  • Welche Zielgruppe haben wir bzw. wie können wir diese erweitern? Dies ist ein Prozess und es ist wichtig, immer wieder darüber zu reflektieren. Strukturen müssen sich verändern bzw. Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen/ Positionierungen auch strukturell eingebunden werden.

  • Stellenausschreibung so formulieren, dass eigene Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen und die (theoretische) Auseinandersetzung damit als Kompetenz aufgeführt werden. Also aufzeigen, dass BIPoC (Black, Indigenous, People of Color), FLINTA (Frauen, Lesben, Inter, Nonbinär, Trans und Agender Personen), Menschen mit Behinderung etc. Wissen und Kompetenzen mitbringen, die wertgeschätzt und gesehen werden.

  • In Bezug auf Strukturen kommt immer wieder die Namensdiskussion auf: der Name kann eine Barriere sein und wir sollten uns bewusst sein, was der Namen im rassismuskritischen Kontext bedeutet bzw. transportiert.

  • Transfer zwischen Bundes- und Landesebene: welche Diskussionen sollen/ müssen auf Bundesebene diskutiert werden, wie wird das dann aber auf landesebene übersetzt/ umgesetzt?

  • Kooperationen als Ressource (Netzwerke)

  • Gemeinsame Haltung als Grundlage

  • Prozesshaftigkeit- sich immer wieder Gedanken machen und Veränderungen anstoßen, alles braucht Zeit.

 

Wie weiter?

Beim Vernetzungstreffen wurde deutlich, dass wir weitere Möglichkeiten, uns fortzubilden und uns zu den Themen auszutauschen sehr begrüssen und wichtig finden. Darüber hinaus wollen wir weitere Menschen dazu motivieren, sich kritisch mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und welche Auswirkungen diese auf unsere Arbeit haben zu beschäftigen. Dies erfordert ein Ansetzen bei der eigenen Haltung und Reflektieren von (De-)Privilegien. Dazu möchten wir alle herzlich einladen.
Wir möchten mit digitalen Treffen starten, wozu wir jeweils eine*n Referent*in einladen für einen Input. Eine Woche später treffen wir uns zur internen Nachbesprechung und kollegialen Beratung. So wird vielen Menschen die Möglichkeit gegeben, teilzuhaben, und wir schauen wo uns der Prozess hinführt.
Das Ziel ist die Erarbeitung eines Selbstverständnises, welches in Strukturen verankert ist. Wir sehen dies als Prozess, der nie fertig ist. So ein Prozess braucht Zeit und Ressourcen. Ergebnis oder Ziel ist nicht das Papier am Ende, sondern eher der Prozess selbst, bei dem unterschiedliche Dinge besprochen und reflektiert werden. Dabei ist es auch wichtig, die Diskussionen, die wir führen, zu vermitteln und zu kommunizieren. Dieser Text, in dem wir das Vorgehen und die besprochenen Inhalte transparent machen, ist ein Teil davon.
Wichtig ist uns außerdem, die Praxis dabei immer mitzudenken und die Überlegungen nicht nur auf der theoretischen Ebene zu führen. So lassen sich die Inhalte direkt in die pädagogische Praxis umsetzen.