Feminismus muss praktisch werden! Lernen von mexikanischen Frauen* im Kampf gegen den Machismo

 

Feminismus muss praktisch werden!

Lernen von mexikanischen Frauen* im Kampf gegen den Machismo

Im Gespräch über die Situation von Frauen* in Mexiko gibt es einige Standard-Sätze. Sie lauten: „Der Machismo in Mexiko ist aber schon nochmal krasser als jetzt in Deutschland“, „Es gibt ja auch so eine Macho-Kultur“, „Und die vielen Frauen*morde, das ist ja eh der Horror“ und „Da bin ich ja froh, dass das in Deutschland wenigstens nicht ganz so hart ist.“

Alles schon ein bisschen richtig, aber eben alles auch nur ein Teil der Geschichte. Denn in Mexiko ist all das immerhin ein Thema, worüber in Deutschland in weiten Teilen der Gesellschaft kräftig geschwiegen wird. Dass in Deutschland jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau* von ihrem Partner ermordet wird (2017, ohne Frauenmorde ohne Partnerbezug), ist wenigen bekannt. In Mexiko sind es neun Frauen pro Tag (2018), die aufgrund ihres Geschlechts getötet werden. „Nos están matando“ - „Man bringt uns um!“ ist eine der üblichen Demoparolen. Was benannt ist, kann man auch bearbeiten.

Fangen wir beim Begriff Machismo an: Im Deutschen gibt es dafür nicht mal ein passendes Wort. Mackertum vielleicht, doch das sind prollige Mantafahrer, oder meine Kampfsportfreunde aus der Antifa, die immer zeigen wie angstfrei sie sind und mich nicht ausreden lassen. Das Konzept Machismo geht weiter: Es benennt das Phänomen, das ein Großteil der Männer* von klein auf eingebläut bekommt, dass sie sich nehmen können und verhalten können, was und wie sie es wollen. Dass eine Frau* nicht nur körperlich schwächer sei, sondern schlicht weniger wert. Dass Mann sie daher auf der Straße sexistisch anquatschen, im Taxi angrabschen und im eigenen Haus sogar angreifen und umbringen kann: denn sie ist sein.

Ja, dieser Machismo ist Teil einer Kultur hier geworden: Das an vielen Orten sichtbare Männerbild, in Musik, Politik, Filmen oder gar auf der Straße ist oft sehr einseitig. Es ist hart als Mann* davon auszubrechen, kein Macho zu sein, oder gar queer. Aber diese Kultur, wie viele das Phänomen lapidar abstempeln, ist eben auch nur ein Teil der Geschichte. Das alles kann nur passieren, weil es ermöglicht wird. Von Seiten des Staates und der Justiz herrscht bei Gewalt gegen Frauen* und queere Personen oder den sog. Feminicidios in Mexiko eine 99-prozentige Straffreiheit.

Auch der Begriff Feminicidio, im deutschen Feminizid, ist zwar mittlerweile über den Atlantik nach Europa geschwappt, doch bisher eher in feministischen Kreisen bekannt. In der Tagesschau werden diese Morde an Frauen* als Familien- oder Beziehungsdrama dargestellt. Dabei wird unsichtbar, dass es bei diesen Dramen in der Regel einer Frau* das Leben kostet, aus dem schlichten Grund, weil sie eine Frau* ist; weil sie sich in einer gesellschaftlich zugewiesenen Situation und Rolle befindet, in der sich in aller Regel eben eher Frauen* befinden. Egal in welchem Land.

Doch es ist nicht zu leugnen: Auch wenn die Situation in Deutschland nicht so rosig ist, wie es durch die fehlende Thematisierung erscheint, das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen* in Mexiko ist krass. Die breite gesellschaftliche Thematisierung führt allerdings dazu, dass die Frauen* – aus allen Schichten – sich in den letzten Jahren viel stärker vernetzt haben. Das bringt Schutz, Zusammenhalt und nicht zuletzt ein neues politisches und feministisches Bewusstsein in vielen Bereichen. Ein ganz alltagspraktischer und solidarischer Feminismus, von dem ich viel lerne.

Dies fängt beispielsweise damit an, dass viele Frauen* ihre Gewalterfahrungen via facebook teilen - ganz ohne Trigger- Warnung. Aus der linken Szene Deutschlands kommend ist das vielleicht befremdlich. Es geht hier um eine Sichtbarmachung dessen, was eigentlich verschwiegen werden soll. Blaue Flecken die niemand sehen soll, werden gezeigt. Mit Würde. Viele dieser Berichte beginnen mit: Mein Name ist Rosalía und das ist meine Geschichte. Und sie enden mit: Ich teile meine Geschichte, damit alle, denen Ähnliches widerfährt, wissen: das ist Unrecht! Niemand wird mir so etwas je wieder antun! Niemand hat das Recht, so etwas einer Frau* anzutun!

Neben den Betroffenenberichten werden auch viele Denunziationen veröffentlicht. Ein heikles Thema, doch wirksam im hiesigen Kontext. Zum Tag der Toten kleisterten feministische Straßen-Guerilleras* (siehe BLATT 1/2016 den Artikel: Guerilla- Kommunikation- wir machen uns die Welt...) die halbe Stadt mit den Fotos der Todesopfer, aber auch der Gesichter der stadtweit bekannten straffreien Täter voll. Das hatte zwei Effekte: An vielen Orten wurde in den folgenden Tagen über die Bilder und auch die dort dargestellten Männer gesprochen. So umstritten die Methode ist: Kein Mann*, kein Macho möchte Teil dieser Wanderausstellung sein. Zum anderen lernt man die Gesichter der Täter kennen. Nicht nur auf der Straße, auch im Internet zirkulieren sie. Und trifft man die Originalpersonen dann im echten Leben, auf einer Demo, auf einer Party, in der Tortilleria, ist man gewappnet. Man weiß Bescheid und das ist ein gutes Gefühl.

Neben der Gewalt im eignen Haus gibt es auch die unsicheren Straßen. Staatliche Stellen, Reiseführer und viele Männer empfehlen den Frauen*, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr alleine auf der Straße zu laufen. Auch auf die Kleidung solle geachtet werden. Wer einen Minirock trägt, sei schließlich selbst schuld. Vor allem viele junge Frauen* haben keine Lust mehr, sich derart einschränken zu lassen. Sie sind es leid, nur tagsüber vollberechtigtes Mitglied des Straßenlebens zu sein, und des nachts das verletzliche Wesen. So entstehen Aktionen, dem entgegen zu wirken. In einigen Städten schließen sich Frauen Freitag abends zusammen, um gemeinsam durch die Straßen zu ziehen. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad machen sie mit Parolen auf das Problem aufmerksam und eignen sich zur gleichen Zeit die Straße an: sie haben Spaß, tanzen zu mitgebrachter Musik, bilden neue Banden und Freundschaften, wenn sie durch abgelegene Stadtteile ziehen, denen der Ruf des Gefährlichen vorauseilt. Als Gruppe sind sie nicht verletzbar.

Andere lernen sich zu verteidigen. Feministische Selbstverteidigung ist in Mode. Nicht nur im Internet zirkulieren Videos, wie Frauen ihren Peinigern die Visage eintreten oder Fotos von erschrockenen Machos mit Platzwunden. Es gibt immer mehr Kurse von Frauen* für Frauen*, in denen alltagspraktische Techniken erlernt werden, die gleichzeitig aber auch einen Grundkurs in feministischen Lebens- und Überlebensfragen beinhalten. Es wird als wichtig erachtet, dass es sich nicht um einmalige Trainings handelt, deren Inhalt man in zwei Wochen eh wieder vergessen hat, sondern dass sich eine stabile und untereinander solidarische Gruppe bildet und das Training langfristig die Haltung der Teilnehmerinnen* verbessert: Körperlich aber eben auch mental.

Dies ist nur eine kleine Auswahl der Strategien, die Frauen* angesichts der gewaltvollen Situation in Mexiko entwickelt haben. Natürlich gibt es auch hier Widersprüche und Leerstellen. Die Gewalt gegen Frauen* ist beispielsweise so überbordend, dass Gewalt gegen queere Personen nur schwer einen Platz in den Medien findet. Nichtsdestotrotz geben die Aktionen hier Anstoß zum Nachdenken und einige zum Nachahmen: Die Gewalt des Normal-Zustandes sichtbar machen. Dazu zählt auch, den Zusammenschluss mit Menschen zu suchen, die nicht notgedrungen meine politische Sprache sprechen, aber unter den gleichen Machtverhältnissen leben und sich selbst zu verteidigen wissen, schlicht um zu überleben.

 

Anne