Betzavta Seminar. Was Schokolade mit Demokratie (er)lernen zu tun hat

 

Was Schokolade mit Demokratie (er)lernen zu tun hat

Demokratie, Teilhabe und Miteinander – diese Begriffe stellen zentrale Inhalte der Betzavta-Methode dar. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass wir uns an einem Wochenend-Seminar im Januar 2019 in Frankfurt eingehend mit ihnen beschäftigt haben.

 

Aber was heißt Betzavta eigentlich?

So richtig viel konnte sich niemand von uns darunter vorstellen. Es ist hebräisch und heißt ins Deutsche übersetzt Miteinander. Die Methode kommt aus der israelischen Friedensbewegung und soll demokratische Wege der Entscheidungsfindung erlebbar machen und Chancen, aber auch Schwierigkeiten in diesem Prozess aufzeigen. Die Grundannahme, die uns durch das Wochenende begleitete, war die Auffassung, dass Konflikte und Meinungsverschiedenheiten am besten mit Kreativität und durch Selbsterfahrung bearbeitet und beigelegt werden können. Dies erfordert jedoch die Fähigkeit, demokratisch handeln sowie respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen zu können. Weitere unersetzliche Prinzipien sind Freiheit und Gleichheit in der Gesellschaft.

Die Seminare, die auf diesen Grundpfeilern beruhen, stärken die Konfliktbewältigungsfähigkeit der einzelnen Teilnehmer*innen. Gleichzeitig werden sie für unterschiedliche Teilhabechancen und Mitbestimmungsmöglichkeiten verschiedener Menschen(gruppen) sowie speziell Minderheiten und Mehrheiten sensibilisiert. Dies soll innerhalb des Betzavta Seminars mithilfe eines gruppendynamischen Prozesses vermittelt werden, der ergebnisoffen ist und den Teilnehmer*innen ermöglicht, sich an Entscheidungsfindungsprozessen zu beteiligen, unabhängig davon, ob sie sich gerade mit ihren Wünschen, Ansichten und Bedürfnissen in der Mehrheit oder der Minderheit befinden.

 

Einblicke in das Seminar

An dem Wochenende in Frankfurt konnten wir die Aushandlungsprozesse von Betzavta in verschiedenen Übungen spielerisch, aber auch kulinarisch, zum Beispiel beim Schokoladenspiel, austesten und den geschützten Rahmen des Seminars nutzen, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen und uns in der Gestaltung unserer Gruppe einzubringen. Während des Seminars haben wir uns beispielsweise mit den eigenen Möglichkeiten auseinandergesetzt, in einer Gruppe oder der Gesellschaft gehört zu werden, mitbestimmen zu dürfen oder repräsentiert zu werden. Andererseits mussten wir uns aber auch damit auseinandersetzen, dass solche Möglichkeiten und Privilegien nicht jeder Person zur Verfügung stehen und auch wir persönlich manchmal bewusst oder unbewusst zu Ausschlüssen beitragen.

 

(Un-)gerechte Schokolade?

Beim Schokoladenspiel beispielsweise ging es um die emotionale Selbsterfahrung des Themas Ungleichheit bzw. (Un-)Gerechtigkeit. Wir Teilnehmer*innen wurden in Gruppen aufgeteilt und jede Gruppe wählte eine Spielfigur. In unserer Gruppe fiel die Wahl auf mich. Wir Spielfiguren wurden unterschiedlich weit vorne auf einem Spielfeld positioniert und das Ziel war es, das Ende des Spielfelds (und somit auch das Feld mit der Schokolade) durch Würfeln zu erreichen. Wer auf einem bestimmten Feld landete, durfte mit Absprache der eigenen Gruppenmitglieder eine neue Regel aufstellen.

Schnell wurde mir bewusst, dass die ungleichen Startbedingungen mit ungleicher Machtverteilung einhergehen und meine Gruppe aufgrund der ungünstigen Startposition nur sehr begrenzt an dem Aushandlungsprozess der Regelaufstellung beteiligt sein wird. Dennoch mussten wir uns an diese Regeln halten, ohne an dem Privileg, das mit dieser Machtposition einherging, teilzuhaben. Es war deprimierend und schnell haben sich meine Gruppenmitglieder aus dem Spiel und den Aushandlungsprozessen, auf die wir ja keinen Einfluss ausüben konnten, zurückgezogen.

Nach dem Ende des Spiels haben wir unsere Erfahrungen und Gedanken reflektiert und es war sehr interessant, welche unterschiedlichen Motivationen und Emotionen das Spiel bei den einzelnen Teilnehmer*innen ausgelöst hat. Während die Gruppen weiter vorne die Schokolade und dementsprechend auch das Gewinnen im Sinn hatten, lag bei uns eher der Wunsch im Fokus, überhaupt an den Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen der Regelgestaltung teilzuhaben. Da die anderen Gruppen sowieso an diesem Prozess beteiligt waren und diese Position wie selbstverständlich inne hatten, zielten ihre Regeln eher darauf ab, einen Vorteil in Bezug auf das Spiel zu erzielen, während wir eher an Regeln interessiert gewesen wären, die auf bessere Teilhabechancen unsererseits abgezielt hätten. In der Auswertung haben wir Empathie, den Umgang mit Macht und Privilegien sowie die Konsequenzen von Entscheidungen vor dem Hintergrund des Erlebten thematisiert.

 

Wie kritisch hinterfrage ich mich selbst?

Obwohl die Situation der ungleichen Machtpositionen des Spiels danach wieder aufgelöst und die Schokolade solidarisch aufgeteilt wurde, hat mich die Thematik noch länger beschäftigt und mich dazu angeregt, das Erlebte auf die Realsituation in der Gesellschaft zu übertragen. Auch in unserer Seminargruppe gab es Unterschiede, was die Möglichkeit der Teilhabechancen sowie dem Gefühl, ob die eigene Meinung in der Gesellschaft gehört wird, angeht. Dieses Hinterfragen der eigenen Position, mitsamt vielleicht bisher nicht wahrgenommener Privilegien oder eben Benachteiligungen, die meistens sehr wohl spürbar sind, war ziemlich intensiv und auch teilweise schmerzhaft. Aus diesem emotionalen Prozess ist aber dank der tollen Betreuung durch unsere Seminarleitung eine sehr produktive Lernsituation entstanden, die mir eine Perspektiverweiterung sowie einen nachhaltigen Lernprozess ermöglicht hat. Die Möglichkeit, mich innerhalb einer wertschätzenden und rücksichtsvollen Gruppe mit meiner eigenen Position und meinem Verhalten kritisch auseinanderzusetzen, hat bei mir den Wunsch nach langfristigen Veränderung in meinem Denken und Handeln ausgelöst. Klar verhält sich niemand immer perfekt, allerdings ist ein guter Wille aus meiner Perspektive nicht ausreichend.

 

Fazit des Wochenendes

Der Anspruch auf ein demokratisches, solidarisches Miteinander erfordert von mir persönlich, meine gewohnten Denk- und Handlungsmuster daraufhin kritisch zu hinterfragen, ob ich mit meinem Sprechen, bzw. Verhalten andere Menschen ausschließe, diskriminiere oder verletze. Das ist zwar bestimmt nicht immer einfach, allerdings lohnt es sich mit Sicherheit, sich damit zu beschäftigen und an sich zu arbeiten.

Mitgenommen habe ich persönlich, neben vielen wertvollen Erfahrungen und ganz persönlichen Lernprozessen, die bei mir angestoßen wurden, das Wissen, dass Demokratie gelernt, geübt und ausprobiert werden muss. Das Wochenende war überaus produktiv und bereichernd, aber auch sehr intensiv und teilweise anstrengend, da gemeinsame Entscheidungen das Ergebnis von langen, manchmal schwerfälligen Aushandlungsprozessen sind und wir alle einzigartig und verschieden sind. Währenddessen ist mir aber auch immer wieder bewusst geworden, wie bereichernd und wichtig Diversität ist und wie wertvoll Vielfalt in Bezug auf Meinungen, persönliche Hintergründe und Vorerfahrungen sind. Diese Beschäftigung mit gelebter Demokratie, Aushandeln und Konsens suchen hat mich sehr gefordert, abschließend kann ich aber festhalten: es lohnt sich!

Michelle