Gegen jeden Antisemitismus - Bund Deutscher Pfadfinder*innen

Gegen die antisemitische Vereinnahmung von KZ-Gedenkstätten

Solidarität mit der Gedenkstätte Buchenwald und den jüdischen Überlebenden des Konzentrationslagers

Stellungnahme des BDP – Roter Efeu Jena, der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, der Jüdischen Allianz Mitteldeutschland, des VVN-BdA Thüringen, des Aktionsbündnis gegen Antisemitismus Weimar und des AK Kritik des Antisemitismus im BDP

Um was geht es?

Erneut werden die Gedenkstätte Buchenwald und die Arbeit der dort angestellten Menschen angegriffen, dieses Mal im Rahmen der Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“. Mehrfach versuchten linksautoritäre Gruppen bereits, den historischen Ort inhaltlich zu überlagern. Buchenwald ist für sie nur eine Projektionsfläche, hinter der die realen Menschen, die hier zu Häftlingen gemacht, entrechtet, gefoltert und ermordet wurden, verschwinden sollen.

Dieser gezielten Vereinnahmung des Ortes drohen damit auch die Toten zum Opfer zu fallen: Die Forderung, eine Symbolik wie die Kufiya in der Gedenkstätte zu tragen, an dem Tag, an dem der Opfer des Konzentrationslagers und dessen Befreiung gedacht wird, ist zugleich die Forderung, diese Opfer durch diejenigen des angeblichen Genozids in Gaza zu ersetzen.

Wieder geht der Angriff vom Umfeld kleiner Politiksekten wie der „Kommunistischen Organisation“ aus, dieses Mal unterstützt von der „Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“.

Suggeriert der Name, für Jüdinnen und Juden zu sprechen, so ist diese Gruppe in Wahrheit weitgehend isoliert. Mehrere jüdische Organisationen haben sie bereits kritisch eingeordnet und sich klar distanziert, so auch die Jüdische Studierendenunion Deutschland und der Zentralrat der Juden in Deutschland.

Diffamierung der Gedenkstätte

Die kampagnenartig zusammengeschlossenen Gruppen inszenieren sich als Betroffene von Repression und agieren mit Falschbehauptungen, Anschuldigungen und Halbwahrheiten und werfen der Gedenkstätte Buchenwald einseitige Geschichtsnarrative sowie die Ausblendung der kommunistischen Häftlinge vor. In der Arbeit der Gedenkstätte jedoch werden alle Betroffenen der Gewalt der SS thematisiert und gewürdigt. Im Gegensatz zur staatlichen Gedenkpolitik der DDR ist die heutige Gedenkstätte ein Ort des diversen Gedenkens und der vielfältigen Bildungsarbeit. Eine Hierarchisierung des Leids oder der Häftlingsgruppen findet nicht statt. Entsprechende Vorwürfe entbehren jeglicher Grundlage.

Ebenfalls gelogen ist, die Gedenkstätte würde palästinensische Symbole grundsätzlich verbieten. Das Tragen der Kufiya wird lediglich kontextbezogen untersagt – eine Regelung, mit der die Gedenkstätte bereits mehr Geduld zeigt, als nötig. Auch in einer entsprechenden internen Handreichung (welche leider zurückgezogen und bisher nicht adäquat ersetzt wurde) ist an keiner Stelle von einem Verbot palästinensischer Symbole die Rede. Vielmehr wurden dort, nach vielen Seiten über extrem rechte Codes und Marken, auch entsprechende Symbole und ihre Bedeutungen als potenziell antizionistische Codes und Akteure eingeordnet. Damit wurde eine unerlässliche Sensibilisierung ermöglicht.

Historiker:innenstreit 2.0

Der Angriff auf die Gedenkstätte Buchenwald ist Teil einer breiten Offensive gegen eine kritische Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus. Die Shoah und die Erkenntnis ihrer Spezifik sollen in die Geschichte eingeebnet werden. „Lehren aus dem Holocaust“ sollen universell sein und damit von ihrem Gegenstand gelöst werden.

Doch die Shoah war präzedenzlos — ohne jedes Beispiel organisierten sich die Deutschen und Österreicher:innen als klassenübergreifende „Volksgemeinschaft“. Staat, Partei, Bürokratie, Gesellschaft und Ökonomie griffen ineinander – mit dem zentralen Ziel, ein anderes Volk restlos zu vernichten.

Egal wie alt, egal an welchem Ort: Alle Jüdinnen und Juden sollten getötet werden. Von diesem Morden sollte das Schicksal Deutschlands und der ganzen Welt abhängen. An unzähligen Orten wurden Menschen zusammengetrieben und erschossen. Doch selbst Verbrechen wie in Babyn Jar und Maly Trostinez sind fast vergessen. In Vernichtungslagern, deren Namen ebenfalls kaum noch jemand kennt, wurden Millionen von Menschen im Gas erstickt: Treblinka, Sobibor, Belzec, Auschwitz… Verbrechen so gigantisch, grenzenlos und unfassbar, dass sie nicht in Worte zu fassen sind.

Um diesem Schrecken zumindest einen Namen zu geben, entwarf Raphael Lemkin den Begriff des Genozids. Dieser Begriff wird nun als entleerte Parole gegen den Staat Israel in Anschlag gebracht, um die Vernichtung dieses historisch notwendigen Schutzstaates zu legitimieren. Ermächtigt wurde die gegenwärtige antijüdische Massenbewegung durch das Massaker der Hamas und ihrer Verbündeten am 7. Oktober 2023. Die Bewegung, die nun entstanden ist, ist wesentlich das Echo des 7. Oktobers. Und sie ist die damit neu geweckte Sehnsucht nach Auschwitz – und nach Buchenwald, welches in anderer Form ein Ort antisemitischer Massengewalt war. 12.000 Jüdinnen und Juden wurden im KZ-System Buchenwald ermordet.

Antizionismus und Terrorverherrlichung

Buchenwald zieht regelmäßig geschichtsrevisionistische Akteure an. Ein erneut wachsendes Problem sind extreme Rechte – von lockeren Zusammenschlüssen über Nazi-Gruppen bis zur AfD, die den Ort instrumentalisieren und vereinnahmen möchten.

Aber mehrfach schon posierten antizionistische Gruppen mit palästinensischen Fahnen und Kufiyas vor der Cremer-Plastik am Südhang des Ettersberges. Dieses Kleidungsstück hat eine komplizierte Geschichte. Als identitätsstiftendes Moment antisemitischer Gruppen jedoch fungiert es als Symbol einer militant-terroristischen Bewegung.

Mit Wurzeln im arabischen Aufstand unter dem SS-Mitglied Amin al-Husseini gegen die Briten und gegen die jüdische Bevölkerung in Eretz Israel, über die PLO Jassir Arafats bis zu den Banden PFLP und Hamas, welche nun zum Hauptakteur des Terrors geworden ist. Diese heute radikal-islamistische Bewegung wird in geschichtsrevisionistischer Manier in die Tradition des kommunistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus gestellt.

Gleichzeitig wird mit dem jährlichen Posieren ein weiteres Zeichen gesetzt. Die Mahnmalsanlage in der Gedenkstätte Buchenwald thront über den Massengräbern der Spätphase des Lagers. In den dortigen Erdsenken verscharrte die SS Tausende von Toten. Darunter Angehörige sämtlicher von der SS den Menschen aufgezwungener Kategorien, doch über die Hälfte von ihnen waren jüdische oder als jüdisch kategorisierte Häftlinge, teilweise Überlebende aus Auschwitz.

Über ihren Gräbern feiern linke Antizionist:innen nun seit dem 7. Oktober den Tod derjenigen, deren Familien einst in Israel eine sichere Heimstatt fanden. Israel und mit ihm auch jüdische Überlebende Buchenwalds werden als Täter konstruiert, und das Gedenken an die Shoah wird durch Aktivismus gegen einen angeblichen Genozid in Gaza ersetzt. Damit wird nicht nur versucht, das Geschehene vergessen zu machen, sondern ein Andenken überhaupt zu verunmöglichen.

Zionismus und Buchenwald

Faktisch ist der historische Ort Buchenwald eng verbunden mit der zionistischen Bewegung. Nach der Befreiung des Lagers existierte dort für ein halbes Jahr ein DP-Camp, in dem Displaced Persons untergebracht waren. Einige der jüdischen DPs verließen rasch diesen unwirtlichen Ort und errichteten ein „Kibbuz Buchenwald“ in der Nähe von Weimar. Ihr Blick war in die Zukunft gerichtet; sie strebten nach einem würdigen und freien Leben in Eretz Israel.

Nach der sowjetischen Übernahme Thüringens organisierten die jungen Zionist:innen unter gleichem Namen eine Hachschara-Stätte bei Fulda. Über ihren Orten wehte die blau-weiße Fahne mit Davidstern – ein Zeichen für Überleben, Selbstbestimmung und Emanzipation.

Diese Geschichte historisch kontextualisiert zu vermitteln und sich gegen jedwede Form des Antisemitismus zu stellen, ist keine Instrumentalisierung, ebenso wenig das Befolgen einer angeblichen Staatsräson.

Gedenken und Geschichtsbewusstsein

Es ist Teil einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus, die den Lernenden am Ort stets eigene, selbstbestimmte Schlüsse ermöglicht. Diese Ermöglichung von Erkenntnis und die Entwicklung eines kritischen Geschichtsbewusstseins stehen der geschichtsrevisionistischen und ideologischen Vereinnahmung sowie den eindimensionalen Geschichtsnarrativen antizionistischer Gruppierungen diametral entgegen.

Wir möchten alle Menschen ermuntern, am 12. April 2026 das offizielle Gedenken in der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar zu besuchen. Lasst uns die Gedenkstätte dabei unterstützen, damit ein würdiges Gedenken stattfinden kann, und lasst uns den geschichtsrevisionistischen Aktivist:innen nicht den Ort überlassen.