Jugendzentrumskongress. Ein Kongress für uns und wie sich das anfühlt

 

Im April besuchte ich den Jugendzentrumskongress Standing United, den ersten bundesweiten Kongress für linke Räume und Jugendzentren im AJZ Chemnitz.

Der Untertitel hat bei mir Erwartungen wachsen lassen: Es steckt einiges an Leidenschaft in dieser Arbeit mit und für junge Menschen, die Räume erkämpfen, um sich frei zu entwickeln. **

 

Freitag – orientieren, zuhören, klarkommen

Der Kongress geht von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag und die Ambitionen, diese Zeit gut zu füllen, sind groß. Zuerst müssen wir uns erst mal alle kennenlernen: Wie heißt du? In welchem Jugendzentrum bist du aktiv? Und warum machst du das eigentlich? Viele Gedanken, Fragen, Meinungen, Wünsche und konkrete Vorstellungen werden in den Gesprächsrunden geteilt und immer wieder kann ich mich zu dem verbunden fühlen, was gesagt wird. Weitere Punkte die aufkommen sind:

„Was läuft schief und wie geht es besser?“

„Wie seht ihr das?“

„Bei uns läuft das irgendwie ganz anders...“

 

Diskussionen und Differenzen, aber eine große, gemeinsame Idee, die die Basis aller dieser Diskussionen bildet. Und die Überzeugung, dass wir zusammenhalten wollen.

Worin sich alle einig sind: Dass es richtig ist, wofür wir uns einsetzen. Und dass es viele gute Gründe dafür gibt, es weiterhin zu tun.

Solidarität muss Praxis werden! Wie? So! - Ideen, Projekte, aus Fehlern lernen.

Uff. So viel zum ersten Abend. Und ich dachte, dass das der Fazit meines Berichts werden wird...

 

Samstag – es gibt so viele Workshops zu verpassen!

Am Samstag nehme ich am Workshop „Feministische Perspektiven auf und in Jugendzentren“ teil.Unsere Vorstellungsrunde wird automatisch zum Erfahrungsaustausch. Was wünschen wir uns? Vernetzung, Perspektiven, Skillsharing, Empowerment, Strategien, einen Umgang mit dem feministischen Rückzug. Inhaltlich sind wir uns einig, da gibt es also (für den Anfang) wenig Diskussionsbedarf. Darum widmen wir uns dem Praktischen und meine Kleingruppe spricht über Vernetzung und wie wir das eigentlich anstellen wollen. Wir einigen uns darauf, dass wir einen Email-Verteiler für bundesweit relevante Veranstaltungstipps und Informationen einrichten möchten.

Nachmittags setze ich mich in eine neue Runde und lausche einem Vortrag des AZs „Kim Hubert“ in Salzwedel. Sie berichten von rechtsmotivierten Angriffen auf ihr Haus und auf Einzelpersonen. Während dem Vortrag wird mir deutlich bewusst, dass es nicht nur gut, sondern notwendig ist, Aufarbeitung zu leisten, Dinge zu besprechen und zu dokumentieren. Dies ist wichtig, um zu verstehen und zu verarbeiten was passiert ist und passieren kann, sich zu schützen und herauszufinden, was der geeignete Umgang ist.

Gleichzeitig kann darüber auch eine Kultur der Solidarität aufgebaut werden. Denn ein Angriff auf ein AJZ oder AZ irgendwo ist ein Angriff auf uns alle. Also... was braucht ihr? Was kann ich beisteuern?

Der Fazit des Vortrags ist emotional und fast ein bisschen kitschig, wie schon am Abend zuvor:

Die Solidarität ist da, wir sind stark und wir unterstützen einander. Lasst uns alle einen Teil davon tragen.

 

Mittlerweile hängen überall große Plakate voller Ideen, Feedback und Lesetipps.

Nach dem Abendessen versammeln sich alle Teilis des Kongresses in großer Runde zur Asamblea. Wir sind um die 150 Menschen! Der Tag wird rekapituliert und Orgakram abgehandelt. Ambitionen machen sich erneut bemerkbar, das Mikro macht die Runde. Wann, wenn nicht jetzt?

Danach steigt eine Party mit DJ*anes und es gibt soviel zu quatschen, dass fast kaum Zeit zum Tanzen bleibt. Ich bin müde, mein Kopf summt, ich gehe schlafen.

 

Sonntag – unsere Forderungen

Am letzten Tag teilen wir uns in 6 Gruppen auf. Jede Gruppe erstellt zu einem der folgenden Themen...

 

Der Kampf mit den Behörden

Der Kampf um die Häuser

Der Angriff des Staates

Der Angriff der Rechten

Unsere Selbstverständnisse

(Der nächste Kongress – Planung)

 

… konkrete Forderungen...

 

nach außen (Presse, Zivilgesellschaft, Behörden, usw.)

nach innen (an die Zentren)

zur Vernetzung (Abmachungen untereinander, praktische Solidarität, Welche Strukturen braucht es? Was sind die ersten Schritte?)

Die Ergebnisse werden auf Plakaten festgehalten und im Saal verteilt. Wir bekommen nun alle die Möglichkeit, bestimmte Dinge hervorzuheben und Vetos und Kommentare einzubringen.

Anhand dieser Dokumentation wird im Anschluss an den Kongress eine Pressemitteilung veröffentlicht. Und einige Wochen später soll eine Resolution entstehen.

Danach machen wir eine räumliche Aufstellung, um ein Bild davon zu bekommen, aus wie vielen Städten die Leute angereist sind und wo sich diese ganzen Jugendzentren innerhalb Deutschlands befinden. Aus allen Himmelsrichtungen sind wir hierhergekommen, um uns zu treffen.

Natürlich ist das, was ich an diesem Wochenende erlebt habe nur ein Teil des Geschehens. Es gab noch viele weitere Workshops und Vorträge.

Und nur so ganz nebenbei: Das Essen war MEGAlecker! (Veganes Gulasch mit Pilzragout, Kartoffelklößen und Rotkohl, Mousse au Chocolat und Pfannkuchen zum Frühstück, da verfalle ich schon mal der Euphorie...)

Auch in den Pausen und während des Essens fanden sich überall auf dem Gelände immer wieder kleine Gesprächsrunden – alle lernten sich kennen, tauschten sich aus und ließen Utopien heranwachsen. Es gab immer wieder was zum Lachen, manchmal auch was zum Weinen, und jede*r trägt auf ihre* eigene Art zur Atmosphäre bei.

Das AJZ hat sich während des ersten(!) Jugendzentrumskongresses in einen lebendigen Bienenstock verwandelt, in dem Geschichten aus Jugendzentren erzählt werden, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte! Wir sind viele und wir sind überall. Dieses bestärkende Gefühl ist für mich das wichtigste Ergebnis des Treffens. Natürlich stehen viele Ideen noch in ihren Startlöchern, aber voller Hoffnung schaue ich auf den nächsten Kongress.

 

Tabea

**Warum wir dafür kämpfen? Lies am besten die „Stellungnahme zu jugendpolitischen Freiräumen“, die der BDP Bundesvorstand Ende 2017 veröffentlicht hat (BLATT 1/ 2018 oder auf bdp.org)