Haltung zeigen in Digital. Wie sich politischer Aktivismus durch soziale Medien verändert

 

Am 20. August 2018 setzte sich die damals noch 15-jährige Greta Thunberg zum ersten Mal vor das schwedische Parlament und begann mit einem Schulstreik für das Klima. Skolstreijk för Klimatet steht auf ihrem mittlerweile weltberühmten Pappschild.

Seitdem ist viel passiert: Mitte März 2019 haben nach Angaben von fridaysforfuture.org mindestens 1,6 Millionen Menschen auf allen 7 Kontinenten und in mehr als 125 Ländern für Klimaschutz gestreikt. Fridays For Future (Freitage für die Zukunft) nennt sich die globale Bewegung, die nach Gretas Vorbild entstanden ist und deren Streiks jeden Freitag stattfinden. Die Mehrzahl der Anwesenden sind junge Menschen, die noch zur Schule oder Universität gehen. Sie fordern die Politiker*innen ihrer Länder auf, Verantwortung für den Klimawandel zu übernehmen und wollen damit verhindern, dass die Erderwärmung über 1,5°C steigt. Denn schon der kleine Unterschied von 1,5°C auf 2°C hätte nach dem Bericht des Weltklimarats IPCC von 2018 immense Auswirkungen auf die Erde, zum Beispiel viel schwerwiegendere Naturkatastrophen.

 

Wege der Vernetzung

Fridays For Future hat sich rasant vergrößert: In nur wenigen Monaten hat die Bewegung tausende Demonstrant*innen dazugewonnen. Wie ist es möglich, dass sich so schnell so viele Menschen verbünden und sich für ein gemeinsames Ziel einsetzen? – Klar, durch das Internet und soziale Medien. Auch Greta Thunbergs persönlicher Streik hatte sich 2018 vor allem durch soziale Medien verbreitet. Sie selbst hat den Hashtag #FridaysForFuture geprägt, unter dem sich Interessierte informieren und Engagierte vernetzen können. Viel Aufmerksamkeit hat sie außerdem im Dezember 2018 durch ihre Rede auf der Klimakonferenz im polnischen Katowice erlangt – das Video ging „viral“, hat sich also sehr schnell verbreitet. Dort traf sie unter anderem auf Luisa Neubauer, die daraufhin mit einem kleinen Team die deutschen Fridays For Future Demonstrationen organisierte. Auch ich persönlich habe von Greta Thunberg das erste Mal über Instagram erfahren: eine Aktivistin für Klima, Fair Fashion und Nachhaltigkeit hatte die oben erwähnte Rede geteilt. Daraufhin folgte ich Greta Thunberg und teilte wiederum einen Beitrag von ihr in meiner Instagram Story. So oder so ähnlich muss es vielen ergangen sein.

Mittlerweile kann man sich ein Leben ohne Netzwerke wie Facebook, Instagram, Twitter und Co. kaum mehr vorstellen. Auch wenn man sie selbst nicht nutzt, so tun es doch viele im Umfeld. Tatsächlich sind diese Portale aber noch gar nicht so alt. Facebook gibt es seit 2004, Twitter seit 2006 und Instagram erst seit 2010. Viel hat sich seitdem in der Kommunikation geändert, so natürlich auch bei der Mobilisierung für politische Aktionen und Bewegungen.

Positive Filterblasen

Ein besonderes Merkmal von sozialen Medien ist das schnelle Finden von Gleichgesinnten. Im Falle der sogenannten Filterblasen ist diese Eigenschaft aber eher negativ konnotiert. So zum Beispiel, wenn Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, nur Seiten folgen und angezeigt kriegen, die ähnliche Meinungen vertreten. Politische Bewegungen können davon jedoch profitieren, indem sie zunächst diejenigen erreichen, die sich für das Thema interessieren. Simple und eingängige Botschaften, wie im Falle von Fridays For Future, eignen sich für die Verbreitung in sozialen Medien besonders gut: „Die Klimakrise ist längst eine reale Bedrohung für unsere Zukunft. Wir werden die Leidtragenden des Klimawandels sein und für die Fehler der vorhergehenden Generationen büßen. Deshalb gehen wir auf die Straßen“ (Quelle: https://fridaysforfuture.de). Natürlich gibt es dazu noch eine Masse an Hintergrundinformation, vor allem wissenschaftliche Befunde, wie der Bericht des Weltklimarats IPCC. Aber die Botschaft ist auch verständlich, wenn man diese Quellen nicht kennt. Gerade in Deutschland, wo keine Partei außer der AfD den menschengemachten Klimawandel negiert, macht sie auf den Handlungsbedarf aufmerksam. Denn im Grunde sind sich fast alle einig, dass wir Handeln müssen. Nur wie schnell und mit welchen Mitteln – da gehen die Meinungen weit auseinander.

 

#Hashtags

Im Falle von Fridays For Future war und ist auch der gleichnamige Hashtag ein Mittel zur schnellen Verbreitung und Vernetzung in sozialen Medien. Die wohl bekannteste Bewegung, die durch einen Hashtag bekannt wurde, ist #blacklivesmatter (Schwarze Leben zählen). Die Bewegung entstand 2013 in den USA und setzt sich seitdem weltweit gegen Polizeigewalt und Rassismus ein. Über den Hashtag wurden mehrere Fälle von rassistischer Polizeigewalt öffentlich gemacht und weit verbreitet, zum Teil mit schockierenden Videos. Daraufhin gab es große Demonstrationen in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt.

Auch #metoo ist eine Bewegung, die 2017 durch den Hashtag entstand. Die Schauspielerin Alyssa Milano twitterte nach dem Bekanntwerden von sexuellen Übergriffen des Hollywood-Regisseurs Harvey Weinsteins, dass jede Frau*, die schon einmal sexuell belästigt wurde, auf ihren Tweet #metoo antworten sollte – um das Ausmaß sichtbar zu machen.

Diese Bewegungen haben zum Teil weltweit Wellen geschlagen, denn die Verbreitung geht schnell und ist einfach. Hashtags sind sehr niedrigschwellige Mittel der Solidarisierung und eine Möglichkeit, Haltung zu zeigen. Im Falle von Twitter oder Facebook ist es sogar noch leichter: Der originale Post, der erklärt worum es geht, kann mit nur einem Klick retweetet, geteilt oder geliked werden. Man muss also nicht einmal selber formulieren und kann sich quasi „nur“ anschließen.

 

Informationsflut

Auf eine Demonstration oder Veranstaltung zu gehen ist dagegen schon eine größere Hürde, die oft nur überwunden wird, wenn sich mindestens zwei Leute zusammenfinden. Auf Facebook ist das Veranstaltungstool deshalb zu einer der wichtigsten Funktionen geworden. Dort kann man neben Zeit, Ort und Infos zur Veranstaltung sehen, wer aus dem Bekanntenkreis auch auf die Veranstaltung geht, bzw. interessiert ist. Jener interessiert- Button ist jedoch auch die Verdeutlichung eines Problems, das mit dem digitalen Wandel entstanden ist. Dadurch, dass wir durch unsere Smartphones quasi immer online sind, ergibt sich eine schier überwältigende Zahl von Eindrücken und Auswahlmöglichkeiten. Die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer und immer öfter ist es unmöglich, sich festzulegen: Statt sich fest zu verabreden, schreibt man lieber spontan jemanden an. So erklärt sich auch der interessiert-Button auf Facebook. Die Hürde, auf Teilnehmen zu klicken ist zu hoch, es könnte ja noch „was Besseres“ passieren.

Die Kurzlebigkeit von Information im Netz ist ein Problem, das auch politischen Aktivismus betrifft. Durch die Flut an Information kann es schwierig sein, Menschen nach erstem Interesse in einer Bewegung zu halten. Instagram Stories bleiben beispielsweise nur für 24 Stunden erhalten und werden danach gelöscht. Aber auch normale Posts, die bestehen bleiben, verschwinden nach kurzer Zeit hinter den aktuellen Beiträgen im Feed oder werden durch die undurchsichtigen Algorithmen der Portale gar nicht erst angezeigt. Die Herausforderung für politischen Aktivismus im Netz besteht also auch darin, sichtbar zu bleiben.

 

Wie war das nochmal vor den sozialen Medien?

Damit will ich allerdings nicht behaupten, dass früher, in der Zeit vor Internet und sozialen Medien, alles besser war. Vielleicht konnte man sich eher auf Dinge festlegen und fokussieren, andererseits hat sich eine Bewegung nur in ganz seltenen Fällen über Länder- und Staatsgrenzen hinweg verbreitet. Der große Vorteil, den die sozialen Medien von heute bieten, sind die Kosten und die Einfachheit. Ein Profil oder eine Seite anzulegen ist gratis und für die Generation, die damit aufgewachsen ist, auch nicht schwer. Früher war man dagegen auf Mittel angewiesen, die viel Geld und Zeit gekostet haben, wie beispielsweise ellenlange Telefonlisten, Flugblätter, Zeitungsanzeigen, etc.

Von großer Bedeutung war zum anderen auch die Mund-zu-Mund-Propaganda, also einfach jemandem davon zu erzählen. Auch heute ist sie noch aktuell, denn wir glauben Informationen eher von Menschen, die wir besser kennen und denen wir vertrauen. Allerdings sind die Grenzen von Mund-zu-Mund-Propaganda und Kommunikation über soziale Netzwerke schwammig. Wenn ich Freund*innen eine Nachricht mit Infos zu einer Demo schicke, ist das dann auch noch Mund-zu-Mund-Propaganda?

Zusätzlich verschwimmt auch das Konzept der „Person, der man vertraut“. Der sperrige Begriff der Parasozialen Interaktion beschreibt die Beziehungen zwischen Zuschauer*innen und Medienakteur*innen, zum Beispiel Youtuber*innen. Häufig verhält man sich gegenüber Persönlichkeiten aus dem Netz wie mit Freund*innen oder Bekannten – man baut eine Beziehung zu ihnen auf. Das heißt auch, dass man die Wirkung von sogenannten Influencer*innen, Aktivist*innen und öffentlichen Personen für politische Bewegungen nicht unterschätzen sollte. Greta Thunberg ist hierfür das beste Beispiel. Sie ist nicht nur Aktivistin, sondern auch Identifikationsfigur. Durch ihre regelmäßigen Posts in sozialen Netzwerken gibt sie Einblick in ihren Alltag, beispielsweise, dass sie lieber den Zug nimmt, anstatt zu fliegen.

Die Frage ist allerdings, ob die Fridays For Future Demos weiterhin so viel Zulauf bekommen. Einige zweifeln daran, weil die mediale Berichterstattung abnimmt. Ich persönlich bin allerdings zuversichtlich: viele junge Menschen beziehen ihre Informationen sowieso nicht aus den klassischen Medien. Solange keine politische Veränderung stattfindet, wird Fridays For Future nicht aufhören.

 

Infokasten mit Erklärungen zu

Liken: den „gefällt mir“-Button drücken (z.B. bei Facebook, Instagram)

Posten: einen Beitrag, also einen Post (z.B. ein Photo, ein Text, etc.) mit anderen in einem sozialen Netzwerk teilen

Soziale Medien (siehe dazu auch kritischen Artikel im BLATT 01/15 – Digital-Autonomie): Medien, die dazu dienen, sich untereinander auszutauschen und Inhalte mit ausgewählten Personen oder der Öffentlichkeit zu teilen.

Facebook Funktionen „teilnehmen“/ „interessiert“ : Bei Facebook kann jede*r eine private oder öffentliche Veranstaltung erstellen. Unter jeder Veranstaltung können andere Nutzer*innen per Klick angeben, ob sie teilnehmen, nicht teilnehmen oder interessiert sind.

Hashtag: Ein Hashtag wird immer durch die Raute # vor dem Begriff markiert. In sozialen Netzwerken dienen sie dazu, bestimmte Wörter zu markieren. Durch Klick auf einen Hashtag oder die Suche danach werden einem Beiträge angezeigt, die ebenfalls mit diesem Hashtag markiert wurden.

Tweet: Ein Begriff, der durch das Portal Twitter geprägt wurde. Er wird anstelle von „Post“ (s.o.) benutzt: „Posten“ ist auf Twitter demnach „tweeten“.

Instagram Stories: Beiträge auf Instagram, die nach 24 Stunden automatisch gelöscht werden. Nutzer*innen können alle Stories direkt auf dem Startbildschirm anschauen.

Influencer*innen: (engl. to influence = beeinflussen, prägen) Personen, die aus eigenem Antrieb regelmäßig Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) zu einem Thema veröffentlichen. In der Regel haben Influencer*innen eine hohe Reichweite, d.h. viele Menschen sehen die geteilten Beiträge.

Algorithmus: Eine formalisierte Handlungsanweisung, nicht nur für Computer. Wenn dir deine Eltern sagen, dass du immer dann bei ihnen essen kannst, wenn dein Kühlschrank leer ist, ist das bereits ein Algorithmus. 2 + 2 = 4 ist auch einer. Je mehr Handlungsanweisungen nacheinander befolgt werden müssen, desto komplizierter wird der Algorithmus. (Nach Fluter Heft Nr. 68, S.25)

Feed: Der Web-Feed in einem sozialen Netzwerk ist die Oberfläche, auf der dir die Neuigkeiten angezeigt werden. Feed bedeutet im Englischen „Füttern“ – der Web-Feed füttert uns quasi mit Informationen. Allerdings werden meistens nicht die neuesten Beiträge ganz oben angezeigt, sondern von dem Algorithmus (s.o.) der Seite sortiert.