Zwischen Freiräumen und Ansprüchen

Mädchen*1arbeit im BDP ist so vielseitig wie die Mädchen*, die sich in einem der drei großen Projekte, dem Mädchentreff Felsberg, dem Mädchen_kulturhaus Bremen und dem Mädchenladen Spandau treffen.

Grundlage der Mädchen*arbeit im BDP ist die Kritik an einer Gesellschaft, die Menschen in zwei Geschlechter einteilt, Hierarchien herstellt und Kinder von Anfang an in eine Rolle presst. Dabei geht es nicht nur darum, Vorstellungen weiblicher* Arbeit als Hausfrau oder Mutter zu hinterfragen, sondern mit den paradoxen Ansprüchen zu arbeiten, die an Mädchen* gestellt werden. Mädchen* sollen nicht nur fürsorglich und empathisch sein, sondern sich durchsetzen, ohne dominant zu sein, schlank aber nicht zu dürr, attraktiv aber nicht zu sexy, klug aber nicht besserwisserisch und noch vieles mehr sein. Mädchen*, im Umgang mit diesen Anforderungen zu begleiten, bedeutet vor allem, Themen und Wünsche der Mädchen* ernst zu nehmen. Dabei werden die Pädagoginnen* der Mädchen*arbeit immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt, in denen sie Mädchen* alternative Handlungsmöglichkeiten und Perspektiven aufzeigen und sie in ihren Bedürfnissen bestärken. (Mehr zur Mädchen*arbeit im BDP findest du hier

Die drei Mädchen*projekte im BDP sind trotz dieser Gemeinsamkeiten geopolitisch sehr unterschiedlich verortet: Während beim Mädchentreff (Felsberg, Nordhessen) die fehlende Infrastruktur im ländlichen Raum zum Problem wird, ist der Mädchenladen (Berlin-Spandau) stark in die interkulturelle Arbeit im Kiez verwebt, wie sie nur in einer Großstadt möglich ist. Das MKH (Bremen) ist, im Gegensatz zu den anderen beiden Projekten, in einer mittlerweile eher wohlhabenden Gegend angesiedelt.

Insel am Berg

„Für die Mädchen* ist der Treff ein Raum, in den sie kommen können und erst mal nichts machen müssen, sondern ganz viel machen dürfen - abseits der strengen sozialen Kontrolle im Land“, erklärt Steffi, die seit 1995 im Mädchentreff am Felsberg arbeitet. Es verwundert daher nicht, dass es in der offenen Arbeit vor allem darum geht, den Möglichkeitshorizont der Mädchen* zu erweitern. Die Rockmusik AG dient beispielsweise nicht nur dazu, Instrumente und eine als männlich bekannte Musikrichtung in einem geschützten Rahmen zu erproben, sondern sich selbst als Teil einer Gruppe zu finden und durch die Teamerinnen* weibliche Vorbilder zu haben, die Berufe außerhalb der Norm gewählt haben. Sowohl in der Berufsvorbereitung, als auch bei Reisen in Städte wie Hamburg und Berlin, soll der Horizont der Mädchen* erweitert werden. „Die Mädchen lernen dort auch ganz alltägliche Sachen, wie sich selbstständig im U-Bahn-Netz zu bewegen“, illustriert Steffi die Wichtigkeit, Mobilität zu üben und in der offenen Jugendarbeit einen ganzheitliches Konzept zu haben.

Zwischenräume im Kiez

Auch im Mädchenladen Spandau beginnt die offene Jugendarbeit mit dem Alltag der Mädchen. „Mobbing, Kopftuch oder Feminismus sind immer Thema. Gerade interessieren sich die Mädchen* aber auch für die Diskriminierung von Roma und Sinti, weil manche Mädchen* hier davon betroffen sind“, erklärt Mohti, während um sie herum eine Gruppe jüngerer Mädchen schwirrt, die zur Hausaufgabenbetreuung gekommen sind. Bekannt ist der Mädchenladen insbesondere durch seine interkulturelle und Kiez-gebundene Arbeit. Als 2012 Rechte Briefe mit der Aufforderung, Deutschland zu verlassen an Familien in der Spandauer Neustadt versandt wurden, reagierten die Mädchen* mit selbst gestalteten Solidaritäts-Plakaten in denen sie thematisierten, dass sie sich wohl in ihrem „Multi-Kulti-Kiez“ fühlen. (Ein ausführlicher Bericht von Mohtaram Zaherdoust findest du hier)
„Interkulturalität ist im Mädchenladen nicht nur präsent, weil sich hier Mädchen* mit 14 verschieden Nationalitäten bewegen und wir ihre Ausgrenzungserfahrungen aufgreifen und Begegnung zwischen Kulturen fördern. Es geht auch darum, die Gemeinsamkeit einer Mädchen*identität über kulturelle Differenzen hinweg deutlich zu machen und die Selbstverständlichkeit von Mädchen*-und Frauen*freifräumen zu erfahren“, erklärt Mohti, die seit 25 Jahren im Mädchenladen arbeitet und dort maßgeblich für das Konzept der interkulturellen Mädchen*arbeit verantwortlich ist.

Cool und anders

Freiräume schafft auch das Mädchenkulturhaus in Bremen. Besonders die seit diesem Herbst gestartete young & queer- Gruppe und die schon seit längerem bestehende Coole Mädchen mit Beeinträchtigung-Gruppe schaffen ein zusätzliches Angebot für Jugendliche, die sonst wenig Platz haben. „Wir haben uns dieses Jahr damit auseinandergesetzt, für wen unser Haus offen ist, und dass wir alle Jugendliche willkommen heißen, die sich als Mädchen* fühlen und auch für diejenigen, die Mädchen* sein sollen, das aber gar nicht sein möchten. Einen Treffpunkt rund um das Thema LesbischBiTrans* für Jugendliche zu organisieren, war für uns einfach eine logische Konsequenz unseres Selbstverständnisses“, so Julia, die gemeinsam mit Lena Anfang 2014 die Leitung des MKH übernommen hat. Die Offenheit des Hauses für diese zwei Gruppen führt außerdem dazu, dass sich die Jugendlichen ermächtigt fühlen, auch an Programmpunkten der offenen Jugendarbeit teilzunehmen und die Pädagoginnen* diese im Zusammenspiel mit den Jugendlichen inklusiver gestalten können.

Jugendarbeit braucht Raum und Zeit

Allen Projekten gemeinsam ist ein kreativer Umgang mit Einsparungen bei den öffentlichen Mitteln, die den Projekten zur Verfügung stehen. Steffi ist mit einer halben Stelle mittlerweile die einzige Hauptamtliche am Felsberg, während sie dort 1995 mit zwei weiteren Kolleginnen* anfing. Der Mädchenladen Spandau konnte 1996, nachdem bereits die Hälfte der Stellen gekürzt waren und eine weitere Kürzungsrunde drohte, nur durch lokales Engagement und Protest gerettet werden. In Bremen wurde seit 10 Jahren die Fördersumme nicht erhöht, obwohl die Kosten extrem gestiegen sind. Mädchen*arbeit ist, wie viele anderen Projekte der offenen Jugendarbeit, chronisch unterfinanziert, obwohl es gerade Zeit und Raum braucht, damit sich Aspekte wie Selbstorganisation, kritisches Denken und ein gutes Gefühl zum eigenen Körper entfalten können.

Elena

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Der Stern ist wie der Unterstrich eine geschlechtergerechte/queere Schreibweise. Sie weist darauf hin, dass es sich bei dem Begriff Mädchen* um eine sehr diverse Gruppe an Menschen handeln kann und beispielsweise Trans-Mädchen* und Kinder, die sich weder als männlich, noch als weiblich fühlen einschließen kann. Wie der gender gap (Unterstrich) zeugt diese Schreibweise auch von der Überzeugung, dass die gesellschaftliche Einteilung von Menschen in zwei Geschlechter nicht in Stein gemeißelt ist, sondern es viele Möglichkeiten gibt, sich außerhalb dieser Norm zu verorten. Bei Bezeichnungen, die eine vergeschlechtliche Gruppe (Pfadfinderinnen*, Männer*) meint, ist der Stern ein gängiges Schreibmittel.

Grafik: Atelier Hurra

 

Wenn du von Mädchen*arbeit nicht nur lesen willst, dann besuche oder melde dich bei:

Mädchenladen Spandau (seit 1983)
Lasiuszeile 2
13585 Berlin
Tel. (030) 335 83 93
Mo-Sa 13:00-18:00 (Freitags bis 20:30)
6-18 Jahren
maedchenladen-spandau@bdp.org

Mädchen_kulturhaus Bremen (seit 1993)
Heinrichstr. 21
28203 Bremen
Tel.: (0421) 32 87 98
info@bdp-maedchenkulturhaus.de
Mo-Do 14:30-18:30 Offener Treff

Mädchentreff Felsberg (seit 1995)
Untergasse 17
34587 Felsberg
Tel.:(05662) 6557
maedchentreff@bdp.org