Terrorismus

Terrorismus

Ein globales Problem mit Geschichte

Der Begriff Terror ist in aller Munde, die Angst vor einem Anschlag verbreitet Unwohlsein. Doch was heißt Terror eigentlich genau und wer sind aktuell die Akteur*innen. Das BLATT versucht einen Überblick zu geben, da Definitionen und ein Blick in die Geschichte oftmals helfen um Ereignisse einordnen zu können.

Terrorismus ist keine neue Erscheinung, sondern ein Konzept welches seinen Ursprung in den Verwerfungen und der Unruhe der Französischen Revolution sucht. In seiner heutigen Form stellt er nur die Ausgestaltung, ja einen notwendigen Schritt, in einer mehr als 200 Jahre währenden Entwicklung dar. Zur Zeit der Französischen Revolution, dem Großen Terror (La Grande Terreur 1793-1794), war es der neue Staat, der, legitimiert durch politische Eliten, Terror ausübte. Sogenannte Terrorherrschaft oder Staatsterror findet man in den Geschichtsbüchern immer wieder. Am bekanntesten sind verschiedene Diktaturen, allen voran Deutschland unter Hitler als auch die Sowjetunion, wo Stalin Terror als Werkzeug zum Machterhalt nutzte.

Doch auch klassische Anschläge wie wir sie heute kennen, haben eine lange Geschichte. Im Russland der Zarenzeit war es die links-terroristische Untergrundorganisation Narodnaja Wolja (russisch für Volkswille), die mit Sprengstoffattentaten und einem der ersten Selbstmordattentate (Ermordung des Zaren Alexander II durch Nikolai Ryssakow am 13. März 1881) in die Geschichte einging.

Es muss allerdings festgestellt werden, dass keine der aufgezählten Formen von Terror der Verwendung des Wortes Terror in unserem modernen Sprachgebrauch entspricht. War Terror lange Zeit ein Mittel zum Zwecke des Machterhaltes, ist er heute eine Form der asymmetrischen Kriegsführung einiger weniger vermeintlich Schwacher gegen ein übermächtiges Feindbild. Es gibt zwar auch heute noch Formen des Staatsterrors – siehe Bashar al-Assads Herrschaft über Syrien – jedoch wird der Begriff Terror heute im Allgemeinen mit internationalem Terrorismus einiger weniger fanatisch religiöser und/oder ideologisch extremistischer Gruppierungen verwendet.

Wie man vielleicht an den bisher aufgebrachten Beispielen schon sehen kann, ist eine Abgrenzung und Definition der Begriffe Terror und Terrorismus kein einfaches oder immer klar eingrenzbares Unterfangen. Auch existiert keine internationale Konvention, die das Phänomen klar definiert. Notwendig ist eine Definition für eine weitere Auseinandersetzung dennoch, weshalb der Versuch nicht ausbleiben soll. Folgt man der Definition der Bundeszentrale für politische Bildung, beschreibt der Begriff Terrorismus eine anhaltende, systematisch geplante Anwendung von Gewalt, um mehr oder weniger klar definierte politische Ziele zur Umsetzung zu bringen, das heißt den Gegner in seinem Verhalten zu beeinflussen.

Für eine weitere Abgrenzung können die folgenden Kernthesen herangezogen werden:

  1. Bei Terror muss es sich um eine über einen längeren Zeitraum anhaltende Anwendung von Gewalt handeln.

  2. Es muss es sich um geplantes Vorgehen handeln. Gewaltausübung, zum Beispiel am Rande von Demonstrationen, fällt damit nicht unter den Begriff Terrorismus.

  3. Die Akteure müssen einer politischen Zielsetzung folgend handeln, wie sie sich bei ethno-nationalem oder weltanschaulich-ideologischem Terrorismus findet.

  4. Abgrenzend gegenüber zum Freiheits-, Partisanen- oder Guerillakampf muss es sich um eine Methode handeln, welche keine Unterscheidung zwischen Kombattanten, das heißt Konfliktbeteiligten, und Nicht-Kombattanten, das heißt nicht am Konflikt beteiligten Dritten, vornimmt.

Mit dieser Definition lässt sich nun etwas leichter feststellen, welche Gruppierungen oder Strömungen als terroristisch bezeichnet werden können. Darunter fallen Al Kaida, der IS/ISIS, die Al Nusra Front, welche Al Kaida zugerechnete wird, Boko Haram aber auch rechte Vereinigungen und Einzeltäter*innen in Deutschland.

Die einzelnen Akteur*innen unterscheiden sich zum Teil nur in der Art und Weise der Rechtfertigung ihrer Aktionen. Die vornehmlich jihadistischen Gruppierungen Al Kaida, IS/ISIS, die Al Nusra Front und Boko Haram, die zum Teil in Konkurrenz zueinander stehen, suchen ihre Legitimation im religiösen Kampf gegen die in ihren Augen Ungläubigen, also gegen Christ*innen, Schiit*innen, Israelis*, Konfessionslose oder allgemein den kapitalistischen Westen, allen voran gegen die USA und die dortige Lebensweise. Die Motivation von Rechtsterrorist*innen ist ebenso eine rein ideologisch gespeiste: Der Glaube an eine Höherwertigkeit der eigenen "Rasse"/Herkunft, gepaart mit Vorurteilen gegen eine Minderheit die vermeintlich die eigene Kultur und Gesellschaft bedrohe. Diese Form des Terrors bedürfte aber einem ganz eigenen Artikel, weshalb sie hier nicht weiter behandelt werden kann.

Den religiös-fanatischen Jihadist*innen ist gemein, dass sie seit dem Eingreifen der damaligen Sowjetunion in Afghanistan, den beiden Golfkriegen, sowie dem letzten Irakkrieg und dem Rückzug der USA aus dem Irak, vornehmlich Ziele angreifen, welche ein starkes Medienecho sowie gesellschaftliche Reaktionen hervorrufen. Solche Ziele sind zumeist weiche Ziele, wie Marktplätze, Diskotheken, Restaurants, Flughäfen, Botschaften oder Bahnhöfe. Orte also, die schwer zu meiden und stets stark von Menschen frequentiert sind. Daneben greifen jihadistische Gruppen, meist aus finanziellen Gründen, auch auf Entführungen und Verschleppungen zurück. Ziel der Angriffe ist es, die größtmögliche Angst und Verunsicherung zu erzeugen, um damit gesellschaftliche sowie politische Veränderungen herbeizuführen. Die Idee dahinter ist, dass die zu bekämpfende Gesellschaft, der zu bekämpfende Glaube oder das Fehlen desselben und die damit verbundenen politischen Systeme nur auf den wahren Weg zu führen sind, indem man sie in ihren Grundfesten erschüttert. Eine Strategie, welche die Anschläge vom 11. September 2001, sowie weitere in Spanien und England 2004/2005 und zuletzt in Paris zur Praxis werden lassen.

Organisatorisch sind die diversen Gruppierungen unterschiedlich konstituiert. Al Kaida konnte im Gegensatz zum IS/ISIS keine staatsähnliche Organisationsstruktur aufbauen und erhalten können. Zwar konnte ein informeller Beratungsrat um den damaligen Anführer Osama Bin Laden konstituiert werden, in welchem weitere Fachausschüsse vertreten sind, die in ihren Zuständigkeitsbereichen bis über die Führung der Trainingslager und die Planung von Terroranschlägen reichen. Doch war es Al Kaida nie möglich, die Integrationsdichte des IS/ISIS zu erreichen. Der IS/ISIS dagegen war und ist in der Lage, eine staatsähnliches Gebilde zu erzeugen, welches heute über den Irak, Teile von Syrien bis nach Nordafrika reicht. Somit ist Al Kaida also eine Organisation mit niedrigem Organisationsgrad, wohingegen der IS/ISIS einen hohen Organisationsgrad aufweist. Beiden gemeinsam ist die Fähigkeit im Ausland Anschläge zu verüben, sich also nicht nur lokal medienwirksam zu konstituieren sondern dies auch darüber hinaus zu tun.

Anders als Al Kaida und IS/ISIS ist Boko Haram eine Gruppierung, welche hauptsächlich in Nigeria und den anliegenden Staaten aktiv ist und dort direkt gegen die Bevölkerung vorgeht. In Zahlen stellt sich das folgendermaßen dar: Seit der Radikalisierung der Gruppe 2009 wurden circa 17.000 Menschen durch sie getötet und 2,6 Millionen in die Flucht getrieben. Die Gruppierung geht hauptsächlich gegen westliche Bildung, Werte und Glauben vor und bedient sich dabei neben Bombenanschlägen und Hinrichtungen auch Entführungen im großen Stil, das heißt es werden größere Gruppen von Menschen und sogar ganze Dörfer verschleppt.

Im Vergleich ist Al Kaida die älteste der drei Gruppierungen. Ihre Geschichte reicht bis zur Intervention der Sowjetunion im afghanischen Bürgerkrieg 1979 zurück und erstreckt sich über die ersten beiden Golfkriege bis zum letzten Irakkrieg. Die Radikalisierung folgte auf den zweiten Golfkrieg (1990/1991), woraufhin sich die Organisation um Osama Bin Laden erst im Sudan aufhielt, um sich dann in Afghanistan niederzulassen und von dort aus ihre Aktivitäten zu koordinieren.

Dahingegen ist der IS/ISIS ein relativ junges Phänomen, erstmals 2004 im Irak als Al Qaida im Irak aufgetreten, ab 2007 dann als Islamischer Staat im Irak und ab 2011 als Islamischer Staat im Irak und Syrien bekannt. Die Gruppierung konnte bis zum Ausrufen des Kalifats (Gottesstaat) am 29. Juni 2014 größere Gebiete im Nordwesten Iraks und im Osten Syriens unter ihre Kontrolle bringen. Führungsperson ist seit 2010 der irakischstämmige Abu Bakr al-Baghdadi.

Boko Haram existiert ähnlich wie der IS/ISIS seit 2004 und wurde erstmals in diesem Jahr mit der Eröffnung eines Trainingscamps an der Grenze zu Niger öffentlich. Danach begann die Gruppe gezielt junge Männer* zu rekrutieren und sich weiter für die Einführung der Scharia einzusetzen. Nach einer verbotenen Demonstration und darauf folgende Unruhen in der betroffenen Region radikalisierte sich die Gruppierung zunehmend und begann immer aggressiver und gewalttätiger aufzutreten. Boko Haram ist wie der IS/ISIS bis heute aktiv und konnte bisher nicht signifikant zurückgedrängt werden.

Bleibt nur noch die Frage zu beantworten, wie Gruppierungen wie Al Kaida, IS/ISIS oder Boko Haram so viel Zulauf bekommen können, dass sie zu einem ernsthaft destabilisierenden und militärisch bedeutenden – oder aber wie im Falle von Al Kaida global Angriffe ausführenden – Phänomen werden können. Wenn auch die Lösung des Problems sehr komplex ist, erscheint die Antwort auf diese Frage denkbar einfach. Regionen in denen die jeweiligen Gruppierungen sich erheblichen Einfluss sichern konnten und können, sind meist Gegenden die entweder wirtschaftlich oder durch lange schwelende Konflikte destabilisiert sind. Auch füllen Organisationen wie der IS/ISIS ein durch Krieg und Konflikt entstandenes Machtvakuum, bieten sich als Beschützende von Minderheiten an oder bieten Menschen in wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch prekären Lagen scheinbare Stabilität. Vor allem im Falle des IS/ISIS akzeptieren manche deren Herrschaft als das geringere Übel. Auch in der Rekrutierung von aktiven Kombattant*innen, sei es als Attentäter*innen oder als Kämpfer*innen im militärischen Kampf gegen den erklärten Feind auf dem Schlachtfeld sind die drei Gruppierungen sehr erfolgreich. Hier haben Al Kaida, IS/ISIS und Boko Haram eine gut funktionierende Propagandamaschine geschaffen, welche vor allem durch die Nutzung des Internets Menschen, die für einfache Lösungen anfällig sind, in der ganzen Welt erreicht und zu radikalisieren in der Lage ist.

Eine Entwicklung, die Terroranschläge überall und zu jeder Zeit möglich macht. Solange Konfliktregionen nicht adäquat stabilisiert und Minderheiten keinen gleichberechtigten Platz in den politischen Systemen erhalten, wird genau diese Entwicklung uns alle noch lange in Atem halten.

 

Von Klaus