Rezension

BLATT 1-2017 S. 32 | SPIELPLATZ

„Pfadfinder zwischen Tradition und Fortschritt“

Rezension

Gut, dass es die AG SPAK noch gibt und nicht alle Bücher zur Jugendbewegung im konservativen Spurenbuchverlag erscheinen müssen. Trotzdem verheddert dich der Lektor gleich bei der Namensnennung. Im Titel taucht die männliche Form „Pfadfinder“, im Untertitel fast aktuell in der Schreibweise mit dem großen I „PfadfinderInnen“, im Impressum dann mit der aktuellen Schreibweise „Pfadfinder_innen“, dafür ist die Bezeichnung „deutscher“ etwas klein geraten. Endlich richtet das Namenschaos der Herausgeber: alles korrekt geschrieben, der Bundesvorstand.

Allein an diesem Namenswirrwarr könnte die Wandlung im Selbstverständnis des BDP thematisiert werden, was der Bundesvorstand in einem Nachwort auch tut. Jürgen Fiege geht einen anderen Pfad. Er beschreibt sich selbst, subjektiv, seine eigene Biographie spiegelt die Entwicklung im BDP und holt solchermaßen theoretische Absichtserklärungen und Leitbilder auf den Boden der Realität eines Handelnden zurück. Dabei geht er nicht systematisch und chronologisch vor, sondern beschreibt unter thematischen Überschriften wie „Internationale Begegnungen“ oder „Verbandsgremien“, „Auseinandersetzung mit dem Staat“ in seiner Sichtweise die Geschehnisse und Entwicklungen, teilweise noch illustriert durch Anekdoten, Fotos, Zeichnungen und Plakate.

Er bedient sich hierfür einer klaren, gut verständlichen Sprache, ein Hinweis auf seine Professionalität als Bildungsreferent. Besonders verdienstvoll sind auch seine Übersichten, Zusammenfassungen und Erklärungen wie etwa zu traditionellen Pfadfindergesetzen oder den Repressionsmitteln des Staates. Da die einzelnen Kapitel des Buches zu verschiedenen Zeiten und Anlässen geschrieben wurden, weißt das Buch eine hohe Redundanz auf. Das ist aber beim Lesen nicht hinderlich. Werden Fakten und Ereignisse mehrmals erwähnt, steigt dadurch der Lerneffekt beim Lesen. Allerdings werden auch Fehler wiederholt wie etwa das Abstimmungsergebnis der entscheidenden Wahl zum Bundesvorstand 1971 in Frankfurt. Mit 26 zu 20 Stimmen setze sich meiner Meinung nach die progressivere Fraktion unter Axel Hübner damals durch, immerhin vier Stimmen mehr als Jürgen Fiege in Erinnerung hat. Doch das ist auch das sympathische an Fieges Aufzeichnungen: dass er die Begrenztheit seines Erinnerungsvermögens thematisiert.

Ein gutes Mittel dagegen wäre ein intensiveres Quellenstudium, wie es selbiger Autor in seiner Arbeit „Zur Geschichte des Bund Deutscher Pfadfinder“ Frankfurt 1980, vorbildlich verarbeitet hat. Auch in seiner Literaturliste führt er eine Fülle von Veröffentlichungen zum BDP auf, wobei es aber stark um seine eigene Publikationen geht. Hier wird die Chance vertan, eine umfassende Bibliographie zur BDP-Thematik zusammenzustellen, damit Interessierte Anregungen erhalten, sich mit der Geschichte des BDP auseinanderzusetzen.

Jürgen Fieges Beurteilungen des politischen Gegners sind manchmal erfrischend frech, andererseits einfach nur flapsig. So finde ich seine Einschätzungen zu Unterwanderungsversuchen des BDP durch K-Gruppen bzw. des Verhältnis zu ihnen doch sehr plakativ. Vor allem vergisst er, dass es sich sehr oft um originäre BDPler_innen handelte, die sich politisch weiter entwickelt hatten. Für viele waren die K-Gruppen eine Durchgangsstation zu den GRÜNEN, zur SPD oder auch zur Partei DIE LINKE. Immerhin hat der BDP so unterschiedliche Politiker_innen hervorgebracht wie die ehmalige Integrationsministerin auf Landesebene Bilay Öney, der Bundestagsabgeordnete Peter Conradi, oder DIE LINKE Politiker Bernd Riexinger, um nur drei zu nennen. Ob sich heutige BDPler_innen für die „alten Geschichten“ interessieren, ist zu hinterfragen. Bei meinem Enkel Yanick (21) zum Beispiel liegt Fieges Buch seit Wochen unberührt neben seinem PC. Dabei hätte mich seine Meinung doch sehr interessiert.

Jürgen Fieges Angebot, Lesungen mit regionalen BDP-Oldies und jungen Interesent_innen zu machen, halte ich für eine gute Idee, die ja auch schon ein paar mal erfolgreich umgesetzt wurde. Als Protagonist im BDP war das Buch für mich persönlich eine nostalgische Zeitreise, die manche Ereignisse wieder erinnern ließ, die ich schon längst vergessen hatte. Dafür danke ich dem Autor.

Von Swobl

Infos:

„Pfadfinder bleibt man ein Leben lang.“

Das war die Parole in der Jugend des Autors Jürgen Fiege. Fast sechs Jahrzehnte nach seinem Eintritt in den BDP hat der Autor seine Erfahrungen und Erlebnisse reflektiert und aufgeschrieben. In der ganzen Zeit gab es weder im BDP noch in seiner Biografie Stillstand. Vor allem die kritische Auseinandersetzung mit Ideologie, in diesem Fall der Pfadfinder-Ideologie, hat Jürgen Fieges Wahrnehmung geschärft und ein Instrumentarium für Theoriearbeit zur Verfügung gestellt.

Jürgen Fiege | Pfadfinder zwischen Tradition und Fortschritt - Zwanzig Jahre im Bund Deutscher Pfadfinder | AG SPAK | 2017 | 12 Euro | zu beziehen über den Buchhandel oder hier