Projektvorstellung: BDP am Hulsberg

Scheitern ausdrücklich zugelassen

Das gibt es nur in Bremen. Am schwarzen Meer entlang laufen, nur einen Steinwurf von der Weser entfernt. An unzähligen kleinen Geschäften und Eckkneipen vorbei, trifft man schließlich auf das große, rote Backsteinhaus. Etwas verwittert steht es da an der großen Brandung, ähm, Straßenkreuzung. Das ehemalige Schulgebäude sticht unter den sonst nicht so beeindruckenden Fassaden der Nachbarhäuser hervor. „Ja, da gibt es an und wann schon mal laute Partys“, meint die freundliche Verkäuferin im Laden um die Ecke. „Aber das sind alles nette junge Leute da. Außerdem ist das eine tolle location zum Feiern. Der Bruder meiner Schwiegertochter hat da auch schon gefeiert!“

Einer der Schwerpunkte des BDP Kinder- und Jugendhauses am Hulsberg ist es, Räume zu bieten. Und das scheint im Viertel anzukommen. Henrik Sorgalla, Diplom-Soziologe und Dorothe Raht, Sozialwissenschaftlerin (MA), bilden das hauptamtliche Team im Haus. „Wir bieten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Wir begleiten und unterstützen sie dabei“, meint Henrik. Es gibt eine Vielzahl von Angeboten unterschiedlichster Art: Das reicht von einer Fahrradwerkstatt über eine Vokü bis hin zu einem Proberaum für Bands oder mehreren Konzertgruppen. Dafür bietet das mehrgeschossige Haus eine Menge Platz. So treffen sich morgens, mittags und abends die unterschiedlichsten Gruppen, Initiativen, Vereine, um das Haus mit Leben zu füllen. Kooperationen entstehen. Bei schlechtem Wetter sind zum Beispiel die Streetworker_innen mit ihren Jugendlichen zu Gast. Im unteren Geschoss gibt es einen Konzertraum mit kleiner Bühne, einen Raum mit Tischkicker und den voll ausgestatteten Thekenraum. Henrik beschreibt die große Bandbreite der musikalischen Veranstaltungen: „Es gibt Hip-Hop-Jams, Metal-Punk-Konzerte mit lokalen und überregionalen Bands, aber auch Singer/Songwriter-Konzerte oder Partys mit Techno oder Dubstep. Dementsprechend unterschiedlich ist das Publikum.“ Ein Stockwerk höher gelegen ist die Küche mit Ess- und Seminarraum. Hier sticht gleich, wie schon unten, der helle abgeschliffene Boden ins Auge. Im vergangenen Jahr wurde den Brettern ein neues Gesicht verliehen. Wenn auch nicht alle Heizkörper so funktionieren wie sie sollen, der neue Boden verleiht den Räumen einen wärmenden Glanz.

Noch weiter oben im Büro wird im Gespräch mit Henrik und Doro schnell klar, dass es im Hulsberg darum geht, ein Gegengewicht zur sonstigen gesellschaftlichen Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen anzubieten. Viele erleben eine immer engere zeitliche Taktung im täglichen Leben von klein auf. Hier beim BDP sollen junge Erwachsene die Möglichkeit haben, Sachen auszuprobieren, die nicht unbedingt auf eine spätere berufliche Karriere abzielen. Henrik betont, wie wichtig es für das pädagogische Konzept des Hauses ist, dass die jungen Leute hier so viel wie möglich selber machen. Sie als Hauptamtliche stünden immer bereit zu helfen, Tipps zu geben, zu unterstützen. Scheitern wird ausdrücklich zugelassen! „Wenn die keine Flyer oder Werbung bei Facebook machen und dann nur zehn Leute zum Konzert kommen, müssen die das aushalten. Wir setzen uns dann danach zusammen, überlegen gemeinsam, was ist schlecht gelaufen. Wir begleiten diese Prozesse.“

Von unten mehren sich die Stimmen von Besucher_innen. Aus der Küche gelangen Düfte von leckerem Essen nach oben. Drei Stationen mit dem Bus entfernt befindet sich das ZAST, die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber im Lande Bremen. Seit letztem Jahr kommen vermehrt minderjährige Jugendliche in Bremen an, unbegleitet von den Eltern. Für diese Jugendlichen gibt es im ZAST keine Angebote. Das Kinder- und Jugendhaus am Hulsberg ist in Bremen der einzige Ort, der diesen Flüchtlingen einen Platz gibt. Gemeinsam mit Effect e.V., einem Verein, der sich um die Jugendlichen pädagogisch kümmert, wurden mehrere Angebote geschaffen. Es wird gekocht, an einem Tag steht der Proberaum zur Verfügung und so manche_r hat sich in der Fahrradwerkstatt ein altes Rad flott gemacht. Priorität hat aber das Abschalten vom tristen Alltag im ZAST hinter Mauern und Stacheldraht. Besonders der unbeobachtete Kontakt via Internet zu Verwandten, Freund_innen und Bekannten in der Heimat ist wichtig für die jungen Flüchtlinge.

Auf der Bühne stehen nun Tische und Stühle und um die aufgestellten Bildschirme der Laptops kreist ein Stimmengewirr. Derweil tönt im Nebenraum lautes Klacken am Tischkicker. Henrik erklärt, dass der BDP es als seine Aufgabe ansieht, hier solidarisch unterstützend und raumbietend den jugendlichen Flüchtlingen zur Seite zu stehen und mit ihnen, wie mit allen Jugendlichen im Hulsberg, eigenverantwortliche Projekte zu entwickeln, zu organisieren und umzusetzen.

Weiterführende Links:

BDP Hulsberg
BDP Hulsberg auf fb

Von: Torsten Jahr

***
Grafik: Atelier Hurra