Leben auf vier Rädern

Freiraum auf dem Rostocker Wagenplatz

 

Seit fast sechs Jahren existiert in Rostock ein Wagenplatz. Hier leben aktuell zehn Menschen in Bauwagen, ohne fließendes Wasser, dafür mit viel Platz. Wir verstehen uns als Freiraum für Kunst, Kultur und politische Bildung und wollen Diskussionen über die Zukunft des Zusammenlebens anstoßen. Wir arbeiten eng mit dem BDP Mecklenburg-Vorpommern zusammen, denn mit unseren Workshops und Vorträgen erreichen wir Jugendliche und junge Leute, darunter viele Studierende und Auszubildende. Für Kinder bieten wir hin und wieder handwerkliche Workshops (Basteln mit Holz, Siebdruck) an. Doch in den Augen der Stadtverwaltung ist unsere Wohnform illegal und damit der Freiraum Wagenplatz bedroht. Seit fünf Jahren setzen wir, Bewohner*innen und Sympatisant*innen des Lebens auf Rädern, uns dafür ein, dauerhaft einen Wagenplatz in Rostock zu ermöglichen.

Kollektiver Freiraum

Jede*r hat ganz individuelle Gründe im Wagen zu wohnen. Die Möglichkeit den Wagen nach den eigenen Bedürfnissen auszubauen ist für viele verlockend. Und auch der Raum drum herum wird genutzt: Für Hochbeete, um draußen Filme zu sehen, am Fahrrad zu schrauben, besagte Vorträge und Workshops zu organisieren und, und, und... Einige Bewohner*innen und besonders die Besucher*innen schätzen die Nähe zur Natur und das ökologische Leben ohne Bodenversiegelung. Außerdem ist es angesichts horrender Mietpreise in der Stadt eine relativ günstige Weise zu Wohnen. Für die einen ist es die perfekte Mischung aus privatem Rückzugsraum und Leben in einem gemeinsamen Projekt. Jede Woche treffen wir uns zum Plenum, um Herausforderungen zu besprechen, vom alltäglichen Zusammenleben bis zur Finanzierung von Projekten und Organisation von Veranstaltungen. Wagenleben heißt für uns einen selbstverwalteten Ort der Begegnung und des Wissensaustauschs zu schaffen. In künstlerischem, handwerklichen, politischen und kulturellen Workshops teilen wir Wissen miteinander und mit anderen. In der Vergangenheit haben wir in Kooperation mit anderen Vereinen und Initiativen Veranstaltungen zu breiten Themenfeldern angeboten u.a. zum ökologischen Bauen und Siebdrucken, zu Computersicherheit, über die Menschenrechtslage in Honduras und die finanzielle und soziale Situation in Griechenland.

Bürokratische Hürden

Vor drei Jahren erklärte die Verwaltung unsere Wohnform auf der akuellen Fläche aus bürokratischen Gründen für nicht zulässig. Die Räumung stand vor der Tür. Wir suchten den Kontakt zu lokalen Politiker*innen – mit Erfolg. Das Stadtparlament beschloss, dass wir erst einmal geduldet werden, bis wir auf eine neue, städtische Fläche umziehen. Ein Gelände zu finden, das sich als Wagenplatz eignet, war allerdings gar nicht einfach. Über 20 Flächen haben wir uns angesehen. Auch die Verwaltung der Stadt Rostock schlug uns welche vor. Auf den meisten konnten wir uns einen Wagenplatz nicht vorstellen. Zum Beispiel auf einer Fläche bei einer Straßenbahnwendeschleife, direkt neben einem Neonazi-Laden. Bei einer anderen potenziellen Fläche „begrüßten“ uns Anwohnende mit gelben Holzkreuzen, auf die sie „NEIN! NEIN! NEIN! Kein Wagenplatz in Altbartelsdorf“ schrieben. Schließlich fanden wir allerdings eine geeignete Fläche, direkt gegenüber vom jetzigen Wagenplatz.

Die neue Fläche

Auf dem neuen, städtischen Gelände können wir mit zwanzig Menschen leben. Das Gelände lässt mit 5000 Quadratmetern auch genügend Platz für Infrastruktur und zum kreativen Gestalten. Dort werden wir Anschlüsse für Strom, Wasser und Abwasser haben. Das ist nicht nur angenehm zum Wohnen sondern ermöglicht es auch den Platz für verschiedene andere Projekte und Workshops zu nutzen. Mit etwas Glück werden die Anschlusskosten von der Stadt getragen. Ein Mietvertrag soll die Existenz des Wagenplatzes für dreißig Jahre sichern. Seit etwa drei Jahren verhandeln wir nun mit der Stadt über den Vertrag – eine große Herausforderung für uns und die Verwaltung. Für uns besteht sie darin nicht die Nerven zu verlieren im Bürokratie-Wirrwarr. Für die Verwaltung darin mit einer unbekannten Wohnform umzugehen, für die es keine Blaupausen gibt. Das größte Problem in der Auseinandersetzung mit der Verwaltung: Wir wollen einen bezahlbaren Mietpreis. Rostock verlangt als Vermieterin einen unteren vierstelligen Betrag pro Monat. Zum Vergleich: In anderen Städten ist das Wohnen im Wagen sehr viel günstiger, zum Teil zahlen die Bewohner*innen nur einen symbolischen Euro. Mit Öffentlichkeitsarbeit versuchen wir Druck aufzubauen. Wir haben Vorträge über unsere Situation gehalten, Pressearbeit geleistet, Kundgebungen organisiert und als kreative Aktion kleine, selbstgebaute Wagen in der Stadt aufgestellt. Schon vier Jahre haben wir durchgehalten in unserer Auseinandersetzung für einen selbstverwalteten Wagenplatz, hatten unzählige Treffen mit Verwaltung und politischen Vertreter*innen und noch mehr schlaflose Nächte ob der Frage wie es wohl weitergeht. Doch nun scheinen wir auf einem guten Weg zu sein. Ein Umzug noch in diesem Jahr scheint endlich nicht mehr unrealistisch zu sein. Drückt uns die Daumen! Wenn es soweit ist, freuen wir uns, wenn auch ihr bei der ein oder anderen Gelegenheit unseren neuen Freiraum besucht und mit Leben füllt.

 

Von Wagenplatz Rostock