Kommentar: Schublade voller Sternchen

Während wir aufwachsen bilden wir Kategorien und Schubladen in unseren Köpfen, um die Welt um uns herum zu verstehen. So gehören Kugel, Ball, Mond und Mandarine alle in die Schublade 'rund'.

Das Gleiche tun wir mit den Menschen, die uns umgeben. Wir bilden Kategorien aus unseren Erfahrungen. „Alle Danielas, die ich kenne, haben einen Schuhtick“ oder „Wer arabisch aussieht, ist Muslim“ oder „Indianer tragen Federschmuck und wohnen in Tipis“.

Als Kinder lernen wir von den Großen, sie geben ihr Wissen über die Welt an uns weiter. „Alle Mädchen mögen rosa“ wird so immer wieder und wieder produziert.

Mit der Sprache, die uns zur Verfügung steht, beschreiben wir die Welt um uns herum und lassen sie Realität werden. Was wir als Wahrheit aussprechen, wird Wahrheit, und das ganz besonders für unsere Kinder.

Nun soll eine politisch korrekte Sprache dafür sorgen, dass wir lernen, offen zu sein, niemanden zu diskriminieren und vielfältig zu denken. Aber die Sprache selber verliert so ihre Offenheit, das, was ich sagen darf, wird begrenzt. Wenn ich Mädchen* jetzt nur noch mit Sternchen schreibe, nehme ich dem Wort 'Mädchen' ohne Sternchen die Diversität, die es vorher für mich längst hatte.

In politisch korrekten Kreisen kann es einem schon die Kehle zuschnüren, aus Angst etwas falsches zu sagen, obwohl man weiß, dass der eigene Gedanke nicht diskriminierend gemeint war,jemanden beleidigen oder irgendwelche Geschlechtergruppen ausschließen wollte.

Was wir meinen mit unseren Wörtern, das ist doch eigentlich entscheidend. Das gleiche Wort aus einem anderen Mund kann eine andere Bedeutung haben - das ist, was wir unseren Kindern beibringen müssen - die Sprache zu hinterfragen.

Anstatt unsere Zungen zu verknoten aus Angst etwas Falsches zu sagen, könnten wir auch einfach mehr Kontakt zu Menschen haben, die unsere Kategorisierungen und Schubladen aufbrechen!

Gebt euren Kindern die Möglichkeit, Frauen* kennenzulernen, die kein rosa mögen, mit Araber_innen zu sprechen, die nicht an Allah glauben, Danielas zu treffen, die barfuß laufen...

Überprüft eure eigenen Schubladen und öffnet sie für mehr, dann könnt ihr euren Kindern auch mit politisch nicht ganz korrekter Sprache die Offenheit für Diversität vermitteln, die Sternchen und Unterstriche ausdrücken wollen.

Janna Klee