Internationales: Lasst uns die Welt Verändern!

Mit dem Bus durch Kairo - Ein französisch-ägyptisch-deutscher Fachkräfteaustausch

Es hupt überall und soweit das Auge reicht, sind Autos zu sehen. Im Kleinbus fährt die Gruppe zu ihrem nächsten Termin: französische, ägyptische und deutsche Teilnehmer_innen, die sich im vergangenen Jahr in Frankfurt kennenlernten. Dieser Bus ist schon ein zweites Zuhause geworden, soviel Zeit verbringen sie in Kairos Verkehrschaos.

Dreimal treffen sich die internationalen Jugendarbeiter_innen zum Austausch. Insgesamt drei Wochen voller neuer Entdeckungen und Engagement für die Partizipation der Jugend. In Frankfurt, Kairo und Lyon.

Draußen ist es heiß, drinnen ist es eiskalt, da die Klimaanlage voll aufgedreht ist. Es sind fast immer die deutschen Teilnehmer_innen, die darum bitten, sie doch wieder aus zu machen.

Das alltägliche Leben in den Straßen Kairos wuselt, die Geräusche dringen auch bis in den Seminarraum. Wenn der Muezzin ruft, wird es so laut, dass Stephane und Manu, die Übersetzenden, um eine Redepause bitten müssen, da es schwierig wird, überhaupt noch einen Ton zu verstehen. Die Gruppe lauscht der Stadt.

Franzi und Hayuta sind müde, sie waren gestern Nacht noch in Downtown unterwegs, um näher dran am richtigen Leben in Kairo zu sein. Denn wenn die europäischen Gäste tagsüber in der Obhut der ägyptischen Partner_innen sind, steht deren Sicherheit an erster Stelle.

Jederzeit könnte es Unruhen geben, Auseinandersetzungen zwischen Militär und Zivilist_inen. Da sollten die europäischen Gäste lieber nicht dazwischenstehen.

Vom Hotel in den Bus und vom Bus in den Seminarraum, zum Bus zur nächsten Organisation, mit dem Bus zum Abendessen. Das Programm ist voll. Voller Eindrücke und Bilder, voller Fragen und Diskussionen.

Die meisten Ägypter_innen, so erzählt Khalil, bereuen heute leider die Revolution (April 2013). Die Gesetzesänderungen, die die Muslimbrüder mit Mursi als ersten demokratisch gewählten Präsidenten durchgesetzt haben, fühlen sich noch viel restriktiver an, als vorher die Gesetze unter Diktator Mubarak. Soziale Projekte wie die Partnerorganisationen des BDP warten zum Beispiel grundsätzlich zwei Jahre bis sie die Förderung erhalten können, die sie für Projekte beantragten.

Auf den Straßen wird über Religion diskutiert. Was heißt Islam? Müssen im Islam die Rechte der Frauen noch mehr beschnitten werden? Farah sagt, dass werden sich die ägyptischen Frauen nicht so einfach gefallen lassen.

Neben einer Menge Spaß gibt es auch viele ernste und kontroverse Themen zu besprechen. Die Revolution in Ägypten ist noch gar nicht lange her und die bewegenden Erzählungen von Farah, Ahmed, Kazem, Nada, Khalid, Omar und Lina berühren alle.

Facebook hatte die Revolution ausgerufen - die neuen Medien können also doch mehr als angenommen. Wie wird das soziale Netzwerk von Jugendlichen im BDP genutzt? Wäre in Deutschland/Europa so etwas auch möglich?
Khalid fasst die Dynamik, die die europäischen Teilnehmer_innen an der ägyptischen Gruppe so sehr fasziniert, in einem einfachen Satz zusammen: „We don't think that we can change the world. We KNOW!“

»We don't thInK that We can change the World. We KnoW!«

Die Projekte, die den Teilnehmer_innen in Kairo vorgestellt werden, begeistern durch das unglaubliche Engagement der jungen Generation, die an einen Wechsel glaubt und dafür kämpft. Dabei nutzen sie jede Ressource, die sie bekommen können – sie wählen nicht aus, wo die Projektgelder herkommen, sondern nehmen, was sie kriegen können. So sind Finanzierungen durch Imagekampagnen (z.B. durch 'Shell') keine Seltenheit. Die Sorgen und Gedanken der europäischen Teilnehmer_innen dazu können die Ägypter_innen verstehen – sie hätten aber keine Wahl, sagen sie.   

Auf der anderen Seite muss festgestellt werden, dass der BDP gar nicht so unabhängig ist, wie er meist behauptet zu sein. Denn der Verband wird durch die Bundesrepublik finanziert und ist von diesen Geldern so abhängig, dass es ihn ohne staatliche Hilfe in der Form gar nicht gäbe.

Bei diesem Fachkräfteaustausch zeigen verschiedenste Beispiele, dass sich so ein internationaler Austausch nicht nur auf die professionelle Arbeit der Teilnehmer_innen auswirkt, sondern auch auf das persönliche Leben Einzelner. So ist Farah aus Ägypten jetzt für ein Praktikum in Paris und Riadh aus Frankreich war im Sommer in Kairo.

Besonders anschaulich ist die Geschichte von Constanze aus Berlin, die am dritten Teil des Austauschs in Lyon im September 2013 teilnahm und schon einen Monat später in Kairo arbeitete. Das kam alles ganz spontan. Mit der Masterarbeit für ihr Lehramt war Constanze gerade in den letzten Zügen, als sie sich entschied, mit dem BDP nach Lyon zu reisen. Je mehr die Teilnehmer_innen von dem Austausch in Kairo erzählten und Constanze von den ägyptischen Teilnehmer_innen erfuhr, desto mehr zogen sie die ägyptische Kultur, Mentalität und Lebensart in ihren Bann.  

Ihre Motivation nach Ägypten zu reisen war so stark, dass sie die aktuell instabile politische Situation nicht von ihrer Reise abhalten konnte. Eigentlich war geplant, einfach die neu gewonnenen ägyptischen Freund_innen zum islamischen Opferfest zu besuchen. Doch dann erfuhr Constanze von einem Lehrkräftemangel an verschiedenen deutschen Schulen in Kairo - sie bewarb sich frisch graduiert und fand eine Stelle an der German University als Deutschlehrerin in Vollzeit.

Sie verschob ihren Rückflug, vermietete ihre Wohnung in Berlin und das Abenteuer Kairo begann. So schnell kann es gehen. Ahmed aus Kairo bringt es auf den Punkt: „Its not easy to describe what we learned in this exchange. You should live something  like that to feel how it was!“

Wenn Ihr Interesse habt, Austausche mit Ägypten und/oder Frankreich zu organisieren oder ehrenamtlich mal in einem anderen Land arbeiten wollt – mehr Informationen findet Ihr unter www.bdp.org oder direkt beim Referenten für Internationales, Tobias Dreizler, in der BDP Bundeszentrale.

Janna Klee

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Grafik: Atelier Hurra

 

 

 

Unsere Partner_innen in Kairo

Egyptian Youth Foundation...
… war bei dem Fachkräfteaustausch unsere Partnerorganisation. Ein bisschen vergleichbar mit dem Deutschen Bundesjugendring möchte die EYF Projekte Jugendlicher in Ägypten miteinander vernetzen und die Belange der Jugendlichen nach außen vertreten. Mehr unter: http://www.eyfngo.org/ (arabisch)

Nahdet el Mahrousa...
...ist ein Projekt, dass Projektideen junger Ägypter_innen unterstützt und so innovative Initiativen stärken will, die einen sozialen Wandel vorantreiben. Die Projekte werden über drei Jahre begleitet und sollen dann auf eigenen Füßen stehen. Mehr unter: http://www.nahdetelmahrousa.org (englisch)

HarrasMap...
...ist ein Projekt, dass durch Nahdet el Mahrousa gefördert wurde. Hier können Frauen, die Opfer sexueller Belästigung wurden, Situationen auf einer Karte melden, bekommen Beratung und Unterstützung. Außerdem werden Botschafter_innen ausgebildet, die sich Stadtteil-bezogen an Menschen wenden. Mehr unter: http://www.harassmap.org  (englisch)