Ein Problem des Blickwinkels

BLATT 1-2017 S. 8 | THEMA

Ein Problem des Blickwinkels

Was hat es mit diesem Critical Whiteness eigentlich auf sich?

Die wissenschaftliche Theorie namens „Kritische Weißseinsforschung“ ist Teil der Rassismusforschung und lenkt den Fokus von den rassistisch Diskriminierten auf die, die gewollt oder ungewollt vom Rassismus profitieren. Ein Perspektivwechsel.

Zum ersten Mal kam ich während eines Vorbereitungsseminars für meinen „weltwärts“ Freiwilligendienst in Ostafrika mit Critical Whiteness in Kontakt. Damals, vor etwa zwei Jahren, stieß das Konzept bei vielen Mitfreiwilligen weitgehend auf Unverständnis. Das sei doch viel zu übertrieben, dann könne man ja gar nichts mehr sagen, usw. Etwa so sahen die meisten Reaktionen aus. Auch ich selbst sah nicht die Notwendigkeit darin, ließ mich dennoch darauf ein, weil ich noch nie zuvor von der kritischen Weißseinsforschung gehört hatte – im Deutschen ein etwas sperriger Begriff. Ich dachte mir außerdem, dass meine Seminarleiterin, die bereits viel Erfahrung in dem Bereich gesammelt hatte, vielleicht besser beurteilen könnte, ob Critical Whiteness wichtig sei.

Doch worum geht es überhaupt, wenn von besagter Critical Whiteness gesprochen wird?

„Vereinfacht gesagt lenkt die kritische Weißseinsforschung den Blick von denjenigen, die Rassismus erfahren, auch auf diejenigen, die Rassismus ausüben. Von den Objekten zu den Subjekten. Von Schwarz auf Weiß. Im Idealfall beginnt dabei ein Prozess, den Menschen durchlaufen, die sich mit ihrem Weißsein und damit verbundenen Privilegien auseinandersetzen“, heißt es in einem Artikel der Diskussionsserie #Critical Whiteness der taz (2013). Tatsächlich ist Critical Whiteness schon seit einigen Jahren Thema, hauptsächlich aber in der linken Szene.

Die Idee hinter dem Begriff Critical Whiteness ist dabei, dass die wenigsten Menschen sich selbst als Rassist_innen bezeichnen würden und doch häufig unbewusst so handeln. Das können manchmal nur kleine Situationen im Alltag sein: Zum Beispiel, wenn Schwarze Menschen auf Grund ihres Aussehens auf Englisch angesprochen werden, obwohl sie deutsch sind. Dieses Handeln soll sichtbar gemacht und kritisiert werden, denn noch immer ist Weiß die Norm in unserer Gesellschaft. Sehen kann man das z.B. an der geringen Anzahl Schwarzer Menschen in der deutschen Politik, in deutschen Aufsichtsräten oder auch Hochschulprofessuren. Entstanden ist diese Norm durch geschichtliche, z.B. koloniale Strukturen, die überall um uns herum verbreitet werden: durch Medien, Politik, Werbung, White Charity usw. Meist durch Sprache oder Bild wird somit rassistisches Handeln subtil weitergegeben. Die kritische Weißseinsforschung untersucht also die Mechanismen, die zu einer Privilegierung bestimmter Personengruppen, z.B. von Weißen, geführt haben.

Das Problem der Benennung

Die Begriffsverwendung im Kontext wird oft als eine Problematik des Whiteness-Ansatzes bezeichnet. Das Aufzeigen von rassistischen Strukturen, durch die bestimmte Gruppen von Menschen diskriminiert werden, führt dazu, dass über diese Gruppen gesprochen wird und sie folglich auch benannt werden müssen. In diesem Fall wird auf die gleiche Begriffsverwendung zurückgegriffen, die eben aus jenen rassistischen Konstruktionen entstanden ist. Dabei darf man nicht vergessen, dass rassistische Strukturen durch die Verwendung von Begriffen wie Weiß, Schwarz oder People Of Color vertieft werden können, wo Kategorien wie „Rasse“ oder „Hautfarbe“ in unserer Gesellschaft doch eigentlich nicht mehr existieren sollten. Die Begriffe Weiß und Schwarz werden jedoch im Rahmen der Critical Whiteness nicht als Bezeichnung von äußeren Merkmalen, wie z.B. Hautfarbe, sondern mehr als soziale Konstruktionen und zur Sichtbarmachung von Herrschaftsverhältnissen verwendet.

Die kritische Weißseinsforschung macht darauf aufmerksam, dass solche Kategorien noch vorhanden sind und sehr wohl eine große Rolle spielen. Die Strategie, so zu tun, als würden sie nicht mehr existieren, wie es oft im politischen Kontext geschieht, machen rassistische Strukturen nicht ungeschehen. Bei unkritischer Verwendung von Begriffen wie Schwarz, Weiß und People Of Color könnte der Eindruck entstehen, es handele sich um feste und unveränderbare Kategorien, die untrennbar mit ihren Träger*innen verbunden sind. Doch auch rassistische Strukturen sind stets im Wandel und passen sich gesellschaftlichen Bedingungen an. „Rassismus geht durch gesellschaftliche Gruppen hindurch und lässt sich nicht klar auf zwei Gruppen verteilen, von denen die einen Täter und die anderen Opfer sind“, heißt es in der Ausgabe November 2013 der Jugendzeitung „Straßen aus Zucker“.

Was bedeutet Critical Whiteness für den BDP und Jugendarbeit generell?

Die kritische Weißseinsforschung ist ein sehr weites und vor allem theoretisches Feld, das jedoch auch ganz praktische Anwendung finden kann. Auch ein Jugendverband wie der BDP kann Critical Whiteness in seinen Veranstaltungen und Strukturen umsetzen. Ein erster Schritt dazu wären einmal Workshops zur Weiterbildung und Selbstreflexion anzubieten, was z.B. im Verband Bremen-Niedersachsen (Im BDP Jugendhaus am Hulsberg), oder auch auf Bundesebene im Kontext der Interkulturellen Öffnung bereits angegangen wurde.

Ein anderer Ansatz wäre, als Bundes- oder Landesverband zu reflektieren, inwiefern die organisatorischen Kulturen und Normen weiß und deutsch begründet sind. Dazu wurde in einem Text des Migrazine, ein Magazin von Migrant*innen für alle, (2013) ein Fragebogen veröffentlicht. Hier sind einige Fragen daraus, die man sich als Verein oder Jugendgruppe stellen kann:

- Werden eure Plena nur auf Deutsch gehalten?

- Bietet ihr Kinderbetreuung bei Plenas und Veranstaltungen an?

- Reflektieren die Bilder und die Sprache in Artikeln und auf Plakaten, das Essen und die Musik bei Veranstaltungen, die Art und Weise der Kommunikation die gelebten Realitäten, Kulturen und Ästhetiken von nicht-weißen Gemeinschaften?

- Trefft ihr euch in weiß dominierten Räumen?

- Organisiert ihr viele Demonstrationen, die zu Überwachung und polizeilicher Gewalt führen und somit größere Risiken für trans, weibliche, queere, behinderte, alte, junge, rassifizierte und illegalisierte Menschen bergen?

- Seid ihr mit Organisationen, die von People Of Color geführt sind, vernetzt und in Bündnissen? Unterstützt ihr ihre Projekte und Kampagnen?

- Sucht ihr Input und Beratung von solchen Organisationen für eure Strategie- und Entscheidungsprozesse?

Diskussion auf Augenhöhe

Letztendlich hatte die Critical Whiteness Einheit während meines Vorbereitungsseminar bei meinen Mitfreiwilligen eher den gegenteiligen Effekt. Auch beim Rückkehrseminar wurde das Thema noch einmal aufgegriffen. Die Meisten hatten ihre Meinung nicht geändert. Die Abwehrhaltung, die viele Leute bei diesem Thema entwickeln, wurde wahrscheinlich durch die sehr dogmatische Haltung unserer Seminarleiterin noch einmal verstärkt.

Critical Whiteness ist manchmal ein schwieriges Thema, vor allem als Einstieg in die Anti-Rassismus Arbeit. Gerade weil der Fingerzeig, im Falle des Vorbereitungsseminars, auf einen selbst gerichtet wurde und man sich vielleicht eingestehen muss, dass man in der Vergangenheit selbst rassistische Strukturen weitergetragen und verbreitet hat. Wichtig in jeder dieser Situationen ist eine Diskussion auf Augenhöhe. „Richtig“ oder „Falsch“ gibt es auch in der Whiteness-Debatte nicht, im Vordergrund steht erstmal überhaupt die Beschäftigung mit dem Thema und die Selbstreflexion.

 

Infobox:

- Taz Thema #Critical Whiteness: http://www.taz.de/!t5066840/

- Artikel „Weißsein als Privileg” im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/critical-whiteness-weisssein-als-privileg.1184.de.html?dram:article_id=315084

- Artikel „das Problem mit Critical Whiteness“ im Migrazine: http://migrazine.at/artikel/das-problem-mit-critical-whiteness

- Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiss (überarb. Neufassung 2015): www.noahsow.de