Bücherregale voll ungesagter Dinge. Queere Figuren mit Vorbildfunktion in Jugendbüchern gesucht

 

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat die queere Community viel erreicht. Die Abkürzung LGBTQ+ ist vielen Menschen ein Begriff, einhergehend mit dem Wissen, dass mehr als eine sexuelle Orientierung und mehr als zwei Geschlechter existieren. Die „Ehe für alle“ erlaubt in vielen Ländern, seit 2017 auch endlich in Deutschland, auch nicht-heterosexuellen Paaren das Heiraten. Viele Prominente sprechen offen über ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität, ohne befürchten zu müssen, damit ihrer Karriere zu schaden. Auch in Medien wie Filmen, Serien und Büchern treten häufiger queere Figuren auf, was ebenfalls einen wichtigen Schritt zur Abschaffung der Heteronormativität1 darstellt. Denn nicht zuletzt können auch fiktive Figuren eine Vorbildfunktion haben und Einfluss auf gesellschaftliche Normen haben.

Besonders für Kinder und Jugendliche, die in einem heteronormativen Umfeld aufwachsen, können queere Vorbilder in Medien von großer Bedeutung sein. Sie klären über die Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten auf, wenn das private Umfeld es nicht tut, und zeigen queeren jungen Menschen, dass sie nicht alleine sind. Grund genug, am Kinder- und Jugendbuchmarkt2 einmal beispielhaft zu überprüfen: Wie gut erfüllt dieser bereits seine Aufgabe, queere Themen an seine Zielgruppe zu vermitteln?

Was die Darstellung anderer sexueller Orientierungen als Heterosexualität angeht, hat sich bei den großen Verlagen des Marktes in den letzten Jahren bereits viel getan. 2017 erhielt „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli, ein Roman über einen homosexuellen Jungen, den Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury und wird 2018 unter dem Titel „Love, Simon“ auch auf der Kinoleinwand zu sehen sein. Der erfolgreiche amerikanische Autor David Levithan ist bekannt dafür, in seine Jugendbücher starke schwule (Haupt-)Figuren einzubauen, beispielsweise in „Two Boys Kissing“ oder „Will & Will“, das er zusammen mit Bestsellerautor John Green verfasste. Jugendbuchautorin Rainbow Rowell veröffentlichte mit „Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow“ (engl. „Carry On“) einen Fantasyroman mit einem homosexuellen Protagonisten, der beim Publikum außerordentlich gut ankam und von Blogger*innen hochgelobt wurde.

Lesbische Beziehungen und die Vielzahl weiterer sexueller Orientierungen dagegen scheinen auf dem hiesigen Markt nicht ganz so populär. Im deutschsprachigen Raum machte beispielsweise Anne Freytag mit ihrem Roman „Den Mund voll ungesagter Dinge“ von sich reden. Auf dem englischsprachigen Buchmarkt lassen sich einige weitere Bücher mit lesbischen, bi- oder auch asexuellen Charakteren finden, doch davon scheinen die meisten bisher keine deutsche Übersetzung erhalten zu haben; zumindest nicht in den großen Publikumsverlagen. Insgesamt gewinnt mensch also den Eindruck, dass die Darstellung sexueller Orientierungen auf dem deutschsprachigen Jugendbuchmarkt mittlerweile zwar über Heterosexualität hinausgeht, jedoch noch lange nicht so vielfältig ist wie das echte Leben.

Mit Blick auf die geschlechtliche Identität sind mittlerweile auch Geschichten über Trans-Menschen Thema einiger Kinder- und Jugendbücher. Für jüngere Leser*innen gibt es beispielsweise „George“ von Alex Gino, das von einem 10-jährigen Trans-Mädchen erzählt, die versucht, ihrem Umfeld ihre Geschlechtsidentität zu offenbaren. Das Buch geht niedrigschwellig und kindgerecht an das Thema heran und eignet sich somit auch für jüngere Altersgruppen. Am Beispiel von George wird auch gezeigt, wie wichtig es für Kinder sein kann, Trans-Vorbilder zu haben, die ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Ebenfalls von einem Trans-Mädchen, jedoch eher im Jugendbuchbereich angesiedelt, erzählt „Als ich Amanda wurde“ von Meredith Russo. Der Roman handelt von der 18-jährigen Amanda, die nach ihrem Outing und negativen Reaktionen darauf in eine andere Stadt zieht, um dort von vorne anzufangen. Einerseits behandelt der Roman Themen rund um Transsexualität und zeigt die Schwierigkeiten auf, denen Trans-Menschen auf ihrem Weg begegnen, andererseits ist er auch ein klassisches Jugendbuch über Familie, Freundschaften und Liebe.

Beide Romane wurden von Trans-Autor*innen verfasst, die in den Nachworten deutlich machen, wieviel ihnen ihre Geschichten persönlich bedeuten und wie ihre eigenen Erfahrungen in die Romane eingeflossen sind. Dass die Bücher nicht nur über sondern auch von Trans-Menschen verfasst worden sind, verleiht ihnen Authentizität und ist ein guter Schritt in Richtung einer vielfältigen Literaturlandschaft.

Auch in diesem Bereich findet sich ein Großteil der Literatur im englischsprachigen Raum, doch je erfolgreicher Romane mit Trans-Themen dort werden, desto wahrscheinlicher werden sicher auch deutschsprachige Übersetzung in den marktführenden Verlagen. In Sachen Vielfalt gibt es auch hier noch Ausbaumöglichkeiten, beispielsweise in Richtung intersexueller oder genderfluider Hauptfiguren. In einem Interview äußerte Meredith Russo auch den Wunsch, zukünftige Romane würden Trans-Themen und verschiedene sexuelle Orientierungen gleichzeitig behandeln, da nicht zwingend immer nur eines der Themen auf einen Menschen zutrifft.

Auf dem deutschsprachigen, vor allem aber dem englischsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt lassen sich demnach schon einige Romane im LGBTQ+-Bereich finden. Dass das Wissen über und das Interesse an queeren Themen im Verlagswesen jedoch teilweise noch recht lückenhaft ist, bewies ein Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2017. Nach meinen Recherchen im Internet machte ich mich daran, einmal direkt bei den großen Verlagen nachzufragen, die den Buchmarkt für die Zielgruppe am stärksten prägen. Ich erkundigte mich jeweils bei den Mitarbeiter*innen an den Ständen nach Literatur im LGBTQ+-Bereich - und bekam sehr unterschiedliche Reaktionen.

Viele Menschen schienen mit der Abkürzung und, auf meine Erklärungen hin, auch mit dem Konzept von Gender noch unsicher, sowohl jüngere als auch ältere Generationen. Nicht selten erhielt ich auch auf genauere Erläuterungen, nach was ich suchte, ein ratloses Schulterzucken. Zwei Mitarbeiterinnen des Loewe- und des Oetinger-Verlags erwiderten auf meine Frage nach der Zukunft von queeren Themen in ihren Verlagen, dass es wohl noch ein paar Jahre brauchen werde, bis diese so richtig auf dem Markt angekommen seien. Der literarischen Auseinandersetzung mit dem Thema schien jedoch keine der Personen, mit denen ich sprach, abgeneigt zu sein, und viele gaben sich sichtlich Mühe, mir meine Frage durch einen Blick in die Verlagsprogramme zu beantworten.

Ein sehr ausführliches Gespräch führte ich mit einer Mitarbeiterin von dtv, die mir nicht nur etliche passende Bücher nennen konnte, sondern sie auch alle gelesen und sich mit den Themen auseinandergesetzt zu haben schien. Sie stimmte mir zu, dass queere Themen immer mehr an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen, und ging davon aus, dass sie das auch auf dem Buchmarkt tun werden, da queere Romane definitiv Publikum finden würden.

Meine Recherchen lassen mich guter Dinge, wenn auch noch nicht vollkommen zufrieden zurück. Auf dem deutschsprachigen Jugendbuchmarkt ist eine Entwicklung zur stärkeren Thematisierung verschiedener Geschlechtsidentäten und sexueller Orientierungen erkennbar, die bisher jedoch noch recht einseitig ist und, auch im Gegensatz zum englischsprachigen Markt, eher schleppend vorangeht. Die Tatsache, dass queere Themen immer mehr im gesellschaftlichen Fokus liegen und somit auch für die Buchindustrie interessant werden, lässt jedoch darauf hoffen, dass sich hier in den nächsten Jahren noch einiges tun wird. Und während die großen Publikumsverlagen möglicherweise erst dann reagieren, wenn queere Themen genug Profit versprechen, gibt es für Interessierte abseits des Mainstream bereits jetzt kleinere Verlage und Autor*innen, die sich diesem Bereich widmen.

Von Charlie H.

 

 

1 Was ist eigentlich... Heteronormativität? Siehe BLATT 1-2016 Seite 15, z.B. unter blatt.bdp.org

2 Da es in diesem Artikel vor allem um die Repräsentation queerer Menschen in den „Mainstream-Medien“ gehen soll, widmet er sich den größten Publikumsverlagen, die in den meisten Buchhandlungen im Kinder- und Jugendbuchbereich vertreten sind. Neben diesen gibt es jedoch natürlich noch viele andere, kleinere Verlage und unabhängig publizierende Autor*innen, die sich den betreffenden Themen widmen.