Angekommen?

Angekommen?

Projekte mit Geflüchteten und die interkulturelle Öffnung des BDP

Im letzten BLATT haben wir bereits einige Projekte des BDP mit geflüchteten Jugendlichen vorgestellt. Da ging es um Freizeiten, Theaterprojekte, Spiele-Seminare, aber auch um humanitäre Hilfe, wie eine Kleiderkammer und die Organisation von Schlafplätzen. Auch in dieser Ausgabe stellen wir in den Kästen wieder einige Projekte vor, stets mit Kontaktinfos, damit ihr euch vernetzen könnt, falls ihr ähnliche Projekte plant.

Die Anforderungen an Jugendverbände haben sich in den letzten Monaten allerdings geändert. Im Winter ging es – angesichts der Unfähigkeit und schlechten Vorbereitung der Regierungsbehörden Menschen eine angemessene Versorgung und Unterkunft zu bieten – vor allem um humanitäre Hilfe. Mittlerweile sind ein Großteil der Menschen, die über den Winter hier ankamen, in einer anderen Phase. Jetzt geht es ums richtige Ankommen, die Koffer können ausgepackt werden. Das bedeutet für uns Jugendverbände, dass wir unser Angebot für geflüchtete Jugendliche nicht nur öffnen, sondern wirkliches Interesse daran zeigen, ihnen wie allen anderen Jugendlichen auch Raum zur freien Gestaltung und Mitentscheidung zu bieten.

Eigentlich sollte die Frage, wie das denn möglich sei, über welche aktuell in den zahlreichen Fachtagen unter dem spannenden Titel „Jugendverbandsarbeit mit Geflüchteten“ diskutiert wird, kein all zu dramatisch neues Feld sein – haben wir doch schon lange den Anspruch uns mit unseren Projekten an Jugendliche aller Hintergründe zu wenden, sei es unterschiedliche Herkunft, Klasse, körperliche Voraussetzungen, Geschlecht oder Queerness. Im Alltag mag dieser Anspruch manchmal hinten runter fallen. Angesichts der großen Zahl geflüchteter Jugendlicher, die nun hier angekommen sind, wird vielen Jugendverbänden und Einrichtungen aber mal wieder schmerzlich vor Augen geführt: „Mist! Wir wollen ja voll offen sein, es kommt nur niemand ... außer unserem Stammklientel.“

Das Thema Interkulturelle Öffnung hat es dank der vielen Geflüchteten also wieder auf die Tagesordnung vieler Verbände geschafft, und das ist auch gut so. Auch wenn der BDP seit Jahrzehnten internationale und in einigen Projekten auch gezielt interkulturelle Arbeit macht, sollten wir uns darauf nicht ausruhen, wenn wir wirklich antirassistisch und offen sein wollen. Das hat der Bundesvorstand schon vor ein paar Jahren erkannt und einen BDP-internen Prozess der interkulturellen Öffnung angestoßen. Im September 2014 gab es in Frankfurt einen ersten Interkulturellen Selbstcheck. Nachdem auch wir den Prozess im letzten Jahr vernachlässigt haben, wollen wir nun erneut daran anknüpfen. Am 8. Oktober wird es erneut einen Workshop geben, bei dem zusammen mit der Trainerin Marissa Balkiz Turaç einzelne BDP-Projekte, Einrichtungen und Landesverbände einen eigenen Interkulturellen Selbstcheck durchführen können. Auf der Jahresklausur des Bundesvorstandes diesen Herbst werden wir dann die Ergebnisse in einen Organisationsentwicklungsprozess einfließen lassen.

„Aber was heißt das eigentlich?“ „Müssen wir dann all unsere Programme überarbeiten? Oder gar über den Haufen werfen?“ „Werden dann nicht alle Verbände gleich?“ - Diese Fragen stellten einige besorgte Vertreter_innen von Jugendverbänden auf einem der vielen Fachtage. Es geht natürlich nicht darum, alles über den Haufen zu werfen und auch nicht, dass alle nun ein einheitlich, nichtssagendes, maximal-unrassistisches Angebot entwerfen. Wobei maximal-antirassistisch schon cool wäre, oder?

Es geht darum mit einem sensibleren Blick, als es der Alltagsstress vielleicht zulässt, auf das eigenen Angebot zu schauen und sich zu fragen: Was sind einzelne Elemente unserer Projekte, die bestimmte Jugendliche ansprechen und andere abschrecken. Dass klassischste Beispiel ist das Grillfest bei dem es nur Schweine-Würstchen gibt, nicht nur auf dem Grill, sondern auch noch Wienerle im Kartoffelsalat untergerührt: für praktizierende Muslim_innen nicht so der Appetithappen, aber auch nicht für vegetarisch/vegane Jugendliche. Neben dem beliebten Thema der Ernährung gibt es aber noch zig weitere Hürden, durch die verschiedenste Gruppen von Jugendlichen ausgeschlossen werden. Es lohnt sich also, sich ein paar Fragen zu stellen:

Plane ich Spiele die Kinder und Jugendliche mit traumatischen Erfahrungen verschrecken könnten, wie Schnitzeljagd bei Nacht oder Augen verbinden? Denke ich dabei nur an geflüchtete Jugendliche, oder könnte das auch für die anderen problematisch sein und ich habe das noch nie gemerkt? Wer wird durch den Verbandsnamen oder die Veranstaltungsankündigung angesprochen? Nur Deutsche? Fühle ich mich beim „Partyabend mit Geflüchteten“ auf meine Flucht reduziert?

Plane ich Zeit ein, um für Jugendliche mit Residenzpflicht Ausnahmeerlaubnisse einzuholen? Und wenn ich sie nicht bekomme, oder eine Jugendliche_r gar abgeschoben werden soll: Nehme ich das hin, oder ist es Teil der verbandlichen Pflicht zum „Wohl der Kinder und Jugendlichen“ mich hier politisch gegen dieses institutionalisierte Unrecht einzusetzen?

Sich diese Fragen zu stellen ist der erste Schritt,

Von Anne

 

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Der LV Berlin reserviert seit neuestem bei den Juleica-Schulungen immer fünf Plätze für geflüchtete Teilnehmer_innen. Da Fluchterfahrungen und die aktuell komplizierte rechtliche Lage der Jugendlichen immer wieder thematisiert wurde, konnten auch die nicht-geflüchteten Jugendlichen mehr als sonst mitnehmen. Gerade in den Reflexionsrunden war der Austausch sehr bereichernd, wenn beispielsweise ein Kinderspiel „unter der Decke“ mit der Situation im abgedeckten Boot auf dem Mittelmeer assoziiert wurde. Freilich kann man all diesen Situationen und Assoziationen, die da kommen könnten, nicht vorbeugen, aber es ist sinnvoll sich im schon Vorhinein zu überlegen, wie man darauf reagieren kann – zum Beispiel auf der Juleica-Schulung.

→ Info: mo.witzki[at]bdp.org

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In Bremen, als auch im Main-Taunus-Kreis, bieten BDPler_innen Fahrradworkshops für Geflüchtete an. Gespendete, kaputte Räder werden gemeinsam wieder fit gemacht und die Geflüchteten können sie dann mitnehmen. Da meistens vor allem Jungs* und Männer* daran teilnehmen, sind nun Workshops zum Radfahren lernen für Mädchen* und Frauen* geplant.

→ Info: jens.fay[at]bdp.org (MTK) und lv.bremen[at]bdp.org (Bremen)

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Verschiedene BDP-Zirkusprojekte, allen voran Zarakali in Frankfurt, bieten wöchentliches Zirkustraining für Kinder und Jugendliche aus Geflüchteten-Unterkünften an. Gerade im Bereich Zirkus gibt es bundesweit mittlerweile sehr viele Vernetzungen und auch Möglichkeiten Gelder zu beantragen.

→ Info: info[at]zarakali.de

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Das Bremer Jugendhaus am Hulsberg als auch der Koeltzepark in Berlin öffneten ihre Pforten für Jugendliche aus Geflüchteten-Unterkünften, die dort sogar abgeholt werden konnten – das geht oftmals nicht anders, bedeutet für alle aber einen enorm hohen Aufwand. Leider mussten in beiden Fällen die Kooperationen mit den Unterkünften eingeschränkt oder ganz aufgelöst werden, weil es an finanziellen Mitteln und Personal fehlt. Hier zeigt sich aktuell ein generelles Problem: Es gibt Geld für neue Projekte spezifisch „für Geflüchtete“, aber bestehende Projekte die ihr Angebot schlicht auf die neuen Jugendlichen ausweiten wollen, haben es schwer mehr Mittel oder gar Stellen zu bekommen.

→ info: lv.bremen[at]bdp.org (Bremen) und info[at]bdp-koeltzepark.de (Berlin)

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Weitere Literatur zur Interkulturellen Öffnung sowie Infos zur Anmeldung zum Interkulturellen Check gibt’s hier.