Alles ist möglich, wenn es keine Kontrolle gibt

Über das Potenzial von jugendlichen Freiräumen

Jugendliche Freiräume haben einen schweren Stand. Viele Häuser sind sehr schlecht ausfinanziert und immer mehr sehen sich mit klagenden Anwohner_innen oder ähnlichen Problemen konfrontiert. Dieser Artikel möchte aufzeigen, was für ein Potenzial jugendliche Freiräume für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen haben und beleuchten, wie vielfältig sie genutzt werden.

Es begann in der 5. Klasse meiner Schulzeit. An einem Mittwoch nach Schulschluss entdeckten mein Kumpel und ich das örtliche Jugendhaus. Wir waren auf dem Nachhauseweg einen Umweg gefahren. Das Haus war an diesem Tag für alle geöffnet und neben einem Sozialarbeiter waren bereits viele weitere Jugendliche vor Ort. Die meisten kannte ich vom Sehen, sie alle gingen auf meine Schule, allerdings hatte ich nie ein Wort mit Ihnen gewechselt. Das sollte sich nun ändern, denn alle Anwesenden wollten Billard spielen. Gemeinsam haben wir dann in bester demokratischer Manier beschlossen, ein Billard-Turnier zu starten in Zweier-Teams, woraus dann später eine Liga entwickelt wurde, mit mittwochs stattfindenden Spieltagen und selbst erstellten Urkunden nach Saisonende. All dies wurde eigenständig von uns Jugendlichen entschieden, umgesetzt und verwaltet. Eine pädagogische Fachkraft war zwar immer Haus, allerdings hat sie sich bei Entscheidungsprozessen herausgehalten und uns generell autonom handeln lassen.

Jugendzentren und – häuser sind immer auch ein Ort für Begegnungen mit anderen Jugendlichen und somit auch ein Ort, an dem Entscheidungsprozesse anstehen. Hier habe ich bereits in jungen Jahren wertvolle Erfahrungen sammeln können und gelernt, was es heißt, demokratische Entscheidungen selbstverwaltet in Absprache mit anderen Nutzer_innen umzusetzen. Außerdem wurde mir deutlich wie viel sich in Gruppen organisieren lässt. Darüber habe ich auch eine Menge sozialer Fähigkeiten erworben; den Umgang mit Gruppenmitgliedern und anderen Gruppen, wie auch den Umgang mit Problemen und Meinungsverschiedenheiten. Ich habe feststellen können, dass die freie verbrachte Zeit im Jugendhaus eine ganz andere ist, als die in der Pause auf dem Schulhof oder die freie Zeit Zuhause.

Als ich älter wurde bin ich einer Ultragruppierung von Werder Bremen beigetreten und habe fortan meine freie Zeit in Bremen verbracht. Dem Jugendhaus in meinem Heimatdorf kehrte ich den Rücken. Stattdessen traf ich mich nun zwei Mal die Woche mit meiner Bezugsgruppe in uns zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten. Hier war dann keine pädagogische Fachkraft mehr vor Ort und ich lernte, was es heißt in kompletter Eigenverantwortung autonom freie Zeit zu gestalten. Ich lernte, was es heißt, einen Freiraum zu haben. Für mich war diese freie Zeit immer sehr wichtig, denn während der Schulstress immer mehr wurde, der Druck einen Berufsweg einzuschlagen seitens einiger Familienmitglieder stetig stieg, brauchte ich diesen Freiraum dringend als Ausgleich. Sobald ich mich mit meiner Gruppe traf, stand für mich Freizeit an, in der ich tat, was ich tat ohne funktionieren oder mich rechtfertigen zu müssen, losgelöst von Erwartungen anderer Personen.

Freiraum zu haben bedeutet für mich die Möglichkeit, einfach mal den Stress des Alltags hinter sich zu lassen und abschalten zu können. Selber aktiv werden oder stumpf faulenzen, alles ist möglich, wenn es keine Kontrolle gibt. Hier nerven keine Eltern, hier kontrollieren keine Lehrer_innen, hier kann selbstverantwortlich, subjektiv die eigene Freizeit ausgelebt werden. Wichtig ist mir dabei immer, dass der von uns organisierte Freiraum, ein Ort ist, in dem alle mitmachen und mitbestimmen können und vor allem respektiert werden. Denn auf eins hatten wir keinen Bock: dass Menschen bei uns diskriminiert werden. Damit dass funktioniert, ist klar, dass bei uns kein Platz ist für Nazis, Rassismus, Sexismus und Homophobie.

Für mich bedeuteten Freiräume aber auch immer die Möglichkeit, sich eigenständig mit gesamtgesellschaftlichen und politischen Themen auseinanderzusetzen. Sich in einer Gruppe zu politischen Themen auszutauschen und gemeinsam Positionen zu erarbeiten, waren ein großer Teil meiner Jugendzeit und haben mich entscheidend geprägt. Hier kommt auch hinzu, sich einfach mal ausprobieren zu können in dem Organisieren von Veranstaltungen und verschiedenen Projekten. Ob Konzerte, Vorträge, Filmabende oder Choreographien im Stadion: alles findet auf unkommerzieller Ebene und ohne äußeren Erfolgsdruck statt. Als Gruppe konnten wir in den Räumlichkeiten Veranstaltungen organisieren und lernten somit eigenverantwortlich zu handeln. Sind Projekte erfolgreich und ist das Feedback zufriedenstellend, dann ist das ein wunderbares Gefühl, was mich immer bestärkt hat noch mehr zu organisieren und umzusetzen. Ohne die verfügbaren Freiräume wäre keines der durchgeführten Projekte zu realisieren gewesen.

Und genau diese Freiräume werden von vielen Häusern ermöglicht und unterstützt. Ob diese selbstverwaltet sind oder sich unter Trägerschaft befinden, haben sie das Ziel, Freiräume für autonom gestaltete Freizeit bereitzustellen. Indem sie das tun, wird ihr großes Potenzial für Jugendliche deutlich. Denn Jugendhäuser bieten kostenfrei eine Vielfalt an Möglichkeiten der Freizeitgestaltung an, die anderorts kaum zu realisieren sind. Wo sonst kann man kickern? Wo sonst befindet sich ein Ton- und Aufnahmestudio? Wo sonst lassen sich zu unkommerziellen Zwecken Konzerte, Partys, Vorträge oder Diskussionsveranstaltungen organisieren? Wo sonst lässt es sich autonom zusammenkommen in einer Gruppe? Alternativen gibt es kaum bis gar nicht und ich als aktiver Nutzer von Freiräumen habe das Gefühl, dass Freiräume immer weniger werden. Lasst uns probieren, den Stellenwert und das Potenzial jugendlicher Freiräume hervorzuheben und den Fokus öffentlicher Diskurse genau darauf zu legen. Deswegen müssen wir uns unbedingt für den Erhalt bestehender Freiräume einsetzen und uns dort wo es bisher keine Freiräume gibt, diese erkämpfen.

Für mehr jugendliche Freiräume!

 

Von Marvin