BDP NdS | WildwuX Theater- "Das Chamäleon im Spiegelkabinett"

Foto von Christian Kosak

Artikel von Christa Neckermann im Weser Kurier
 

Wenn das Leben nach Zuckerwatte duftet

Christa Neckermann 30.08.2019

Osterholz-Scharmbeck. Eigentlich ist Wildwuchs ja etwas, das ein ordnungsliebender Gärtner unbedingt vermeiden möchte, um das Gesamtbild nicht zu stören. Schreibt sich „WildwuX“ allerdings mit einem großen „X“ am Ende, so steckt dahinter das Jugend-Theaterprojekt des Bundes Deutscher Pfadfinderinnen; das Ensemble tourt jedes Jahr mit einem Traktor-gezogenen Zirkuswagen und entschleunigten 25 Stundenkilometern durch Norddeutschland. Die mitreisenden Akteure haben sich bis zum Aufbruch ein eigenes Stück erarbeitet. Der Zirkuswagen dient ihnen dabei sowohl als Wohn- wie auch als Spielstätte und Kulisse.

In dieser Woche machte der Zirkuswagen unter den Apfelbäumen der Streuobstwiese vor der Mühle von Rönn Station. Die mitreisenden Akteure hatten sich diese Spielstätte für ihr Stück „Das Chamäleon im Spiegelkabinett“ ausgesucht, und etliche Osterholz-Scharmbecker waren dem urtümlichen Ruf der WildwuX-Kultur gefolgt.

In einer Mischung aus Pop, Performance, Bodengymnastik und Text, von gelegentlichen Gitarrenklängen unterbrochen, erzählte die Gruppe die Geschichte zweier Schwestern, die sich nach langer Zeit zufällig in einer Bar wiedertreffen. Während die eine ein Bierchen zischt, muss sie schaudernd entdecken, dass ihre Schwester ihr Bier alkoholfrei bevorzugt.

Das führt zu einer gegenseitigen Wiederentdeckung der jeweils anderen Schwester. Was hat sich in den Jahren verändert, in denen sie sich nicht gesehen haben? Was alles weiß man nicht von einander, und wie gehen die Schwestern mit diesen unterschiedlichen Entwicklungen – jeweils bezogen auf die eigene Persönlichkeit – um?

Wie viele Gemeinsamkeiten in zwei Blutsverwandten stecken, die vollkommen unterschiedliche Erlebnisse erfahren haben, das ist ein Thema des Stücks. Das WildwuX-Theater stellt zudem seinem Publikum die Frage, wie mit den biografischen Unterschieden umgegangen werden soll. Wie begegnet der Mensch generell Veränderung im Hinblick auf Natur, Geschichte, Gesellschaft und Individualität? All das Themen, die momentan auch in einem besonderen Spannungsverhältnis zu den täglichen Nachrichtensendungen stehen.

Diejenigen, die sich Veränderungen gern verschließen, weil sie unbequem sind oder eigenes Tätigwerden erfordern, wünschen sich ja oft, ihr Leben möge wie Zuckerwatte sein – nur um dann festzustellen, dass Zuckerwatte zwar süß und weich ist, gleichzeitig aber auch den Körper steif wie ein Kokon umhüllt und Veränderung verhindert. „Für Veränderungen braucht man den Mut, vielleicht nicht geliebt zu werden“, lautet eine Zeile im Text des WildwuX-Stückes. Eine brutale Wahrheit, die aber zugleich befreiend sein kann, wenn es sich herausstellt, dass nicht jeder von jedem geliebt werden muss und möchte.

Die Frage der Anpassung der eigenen Persönlichkeit an die gesellschaftlichen Normen ist tiefgründig. So tiefgründig, dass das WildwuX-Theater damit den Titel seines Stückes gefunden hat – und erklärt: Woran passt sich ein Chamäleon an, wenn es in einem Spiegelkabinett nur sein eigenes Spiegelbild erkennt? Ist es nicht etwa so, dass ein jeder für die eigene „Chamäleon-Farbe“ dringend der Umwelt bedarf, um das Sein zu definieren?

Wer Lust auf solche und andere philosophische Gedankengänge in unkonventioneller Form hat, kann das WildwuX-Theater am 31. August um 15 Uhr in Dorum-Neufeld vor der Kurverwaltung erleben. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.